Abschied

Die letzte Stunde, sie ist viel zu lang und auch viel zu kurz. Zu lang, weil schon fast alle gegangen sind und zu kurz, weil es eben die Letzte ist.
Langsam schleiche ich von meinem Zimmer den Gang entlang bis zur Tür, nicht um zu gehen, sondern um die letzte zu rauchen. Die anderen Zimmer sind alle leer und dunkel. Schatten dessen, was sie sonst sind, ausgewaschene Wasserbilder des Lebens, das hier normalerweise tobt. Ich sehe mich an diesem Tisch noch rauchend grübeln, als wäre es gestern gewesen. Und ich sehe mich noch an diesem Fenster stehen, vor einem winterlichen Sonnenuntergang, die Kälte des Abends ertragen, nur um einen kurzen und entspannenden Augenblick erhaschen zu können.
Und der Raum mit dem großen Tisch - mein Geburtstag.
Aber zu keiner einzigen Sekunde wusste ich nicht vom Abschied, keine einzige Sekunde wurde vergeudet mit Hoffnung oder sinnlosem Geplänkel. Wenn es eine Konstante auf dieser Welt gibt, dann ist es Abschied, und was soll man dagegen machen, irgendwie ist es erwünscht und gehört auch ein bisschen zur Natur der Menschen.
Es erscheint mir, als ob der Himmel von Minute zu Minute düsterer wird, es würde mich nicht wundern, wenn es anfinge zu regnen. Nicht, das es mich stört, aber es passt dann einfach ins Bild. Aber eigentlich auch nur Nebensächlichkeiten.
Die Stunde ist schneller vorbei, als es mir lieb ist, eine unerträgliche Stille lastet auf diesem Gebäude. Ich fühle mich wie ein Kapitän, der vor der Abmusterung seines Schiffes noch einmal durch die toten, leeren und dunklen Decks schleicht. Auch, wenn es keine Abmusterung des Schiffes ist, sondern von mir.
Jemand ist noch da, der letzte heute, der mich verabschieden könnte. Alle anderen sind ohne ein Wort verschwunden. Vielleicht auch besser so.
"Schönes Wochenende!", beginne ich.
Er blickt hoch: "Montag ist der große Tag?"
"Jawohl", antworte ich.
"Dann viel Glück", wünscht er mir.
"Danke", sage ich und verschwinde. Ich kann es ja gebrauchen, und wie ich es gebrauchen kann.
Am Ende des langen Flurs blicke ich mich noch einmal um. Ich habe hier eine lange Zeit verbracht, jetzt sind die letzten Sekunden angebrochen. Ein riesiger Felsbrocken knallt auf meinen Rücken und die letzten drei Meter zur Tür werden ungemein schwer. Vor der Treppe höre ich die Tür ins Schloss fallen, ich weiß, dass es das letzte Mal ist.
Auf dem Weg zum Wagen, wähle ich den Weg, von dem aus man mich nicht noch einmal vom Gebäude aus sehen kann. Nach vorn blicken, lautet die Devise. Sie sollen schließlich wissen, dass sie mich nie wieder sehen werden.

Geschrieben 2003 von Christian Lafin