Immer wieder sinniere ich über die Bedeutung weniger Sätze von dir:
"Mein Freund schlägt mich"
"Mein Freund ist schuld, dass ich mein Baby verloren hab"
"Wenn ich nicht mit dem zusammen gekommen wäre, wäre mir der ganze Mist erspart geblieben"
Eigentlich keine Sätze, wo ich lange drüber nachdenken müsste, ich würde dem Kerl mal schnell mit einer Motorsäge die Arme abtrennen und ihn dann bei lebendigen Leibe kastrieren. Oder eben auch nur mit dem Auto überfahren, wenn ich noch einen wichtigen Termin hätte und spät dran wäre.
So oder so könnte man den Prügelknaben auch links liegen lassen und sich einen richtigen Mann suchen (die erkennt man daran, dass sie ihre Geliebte nicht verprügeln). Die letzte Methode mindert auch das Risiko einer Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung.
Doch das wäre dir wohl zu einfach, zu normal, zu logisch, glaube ich.
Ich muss immer wieder an den Dialog von uns denken, der die ganze Geschichte erst richtig kompliziert macht:
"Er hatte heute Morgen wohl schlechte Laune oder so was", erzählst du.
"Was, er wohnt wieder bei dir?"
"Aber doch nur seit kurzem!"
Achso, klar, dann ist ja gut. Ich dachte gerade, du hast den, der dich verprügelt und dein ungeborenes Baby umbringt, wieder bei dir aufgenommen. Aber ist ja erst seit vier Wochen, dann ist ja alles gut.
"Du sagst ja gar nichts!", rüttelst du mich aus meinem Versuch, deine Situation irgendwie zu verstehen.
"Ja, mir ist nur kurz die Luft weggeblieben. Bist du irre? Wieso wohnt der wieder bei dir, liebst du ihn noch oder was?"
Für mich die einzige Erklärung, denn die Liebe ist stärker als der Schmerz einer dicken Lippe oder einer gebrochenen Nase.
"Nein, lieben nicht. Eher hassen."
Auch das ist für mich vollkommen verständlich. Ich lade meine Feinde auch zu mir ein, um bei mir zu wohnen. Dahinter steckt der geheime Plan, dass sie früher oder später an meinen Kochkünsten zu Grunde gehen.
In Wirklichkeit habe ich jedoch keine Ahnung, was das Ganze soll. So was kann niemand wirklich ernst meinen oder durchmachen. Wenn man so einen Boxer-im-heimischen-Ring lieben würde (wie auch immer das funktionieren soll) kann ich akzeptieren, dass man bei ihm bleibt. Akzeptieren, aber nicht verstehen. Denn die Liebe ist eigenartig und verwirrend und sie bringt einen dazu, bekloppte Dinge zu tun und zu sagen.
Da drängt sich nur noch die Frage auf, wie man so einen Kerl, der bei einem Intelligenztest gegen eine Socke voll Popcorn alt aussehen würde, noch Lieben kann?
Ist es vielleicht aber auch die Angst vor der Einsamkeit?
Einsamkeit gegen eine blutige Fresse.
Keinen Freund gegen eine gebrochene Nase.
Alleine einschlafen gegen sich in den Schlaf weinen und das Kissen voll bluten.
Ruhe zuhause gegen 'Lass mich zum Bowlen und Bier trinken, oder ich verpass dir ne dicke Lippe!'
Auch so versteh ich es nicht.
Aber die Frage nach dem Warum wird mir irgendwann unwichtig, weil ich die Lösung einfach nicht finden kann. Immer wichtiger wird mir die Frage, wie man da noch helfen kann. Es hat nicht funktioniert mit Verstand, mit Fang-Fragen und mit dem Aufzeigen von normalen Beziehungsabläufen...
Es ist, als wenn man mit einem Wahnsinnigen diskutiert. So eine Debatte kann man auf keinen Fall gewinnen, nicht mal mit Fakten, einer richtig gut fundierten Meinung oder gesundem Menschenverstand.
Und ganz schlimm wird es noch, wenn die Wurzel des Übels Wind von der Geschichte bekommt. Plötzlich bist du dann die Treppe runter gefallen. Klar, wer mit Pfennigabsätzen laufen kann, fällt mit Turnschuhen die Treppe runter.
Es vergeht viel Zeit, bis ich mir wieder die alte Frage stelle:
Wieso lässt man sich so etwas gefallen?
Was in aller Welt treibt einen dazu, sich an so eine Weichflöte zu heften?
Ist es das Eva-Braun-Syndrom?
Ist es die pure Verzweiflung?
Ist es der Mangel an Alternativen?
Und wer ist bei der Geschichte eigentlich der Bescheuerte? Ich? Sie? Er auf jeden Fall. Aber sonst? Vielleicht auch alle zusammen?
Geschrieben 2006 von Christian Lafin