Erzählungen eines Bike-Abhängigen

Bike steht für Fahrrad, nicht für Motorad. Nur Motorcycle steht für Motorad, das kann man sich leicht merken, weil Recycle so ähnlich klingt und es etwa dasselbe ist. Also merke: Motorcycle ist wie Recycle, weil es mit Müll zu tun hat. Sich ohne seine eigene Körperkraft fortzubewegen ist Müll.
Klingt bescheuert? Ich hab' doch noch nicht einmal angefangen!

Es fing alles damit an, dass ich nur ein bisschen abnehmen wollte. Von einem Kumpel bekam ich mein erstes, wirklich gutes Fahrrad geschenkt. Ein schlichtes, schwarzes 28 Zoll Hardtail.
Ich nannte die Schönheit liebevoll "Alte Betsie". Ich hätte sie lieber "Große Betsie" nennen sollen, denn das Dumme an so einem zu großem Fahrrad ist, dass es sich schwierig gestaltet, wenn man damit anhalten möchte. Weil der Fuß nicht bis zum Boden reicht.
Man hat nun die Wahl, das Umkippen zu perfektionieren oder seine Stopps genau dort zu planen, wo man seinen Fuß auf eine Erhöhung stellen oder sich irgendwo fest halten kann.
In Berlin gibt's dafür Ampeln. Oder Autospiegel. Wenn man dagegen auf offenem Feld unterwegs ist, ist das... nun förderlich für die Kondition: 'Darf nicht anhalten, sonst werde ich umkippen und hier in der Wildnis sterben!' Ja, in den Gegenden in und um Erkner werden auch heute noch hilflose, umgefallene Biker gegessen.

Mit der alten Betsie pflegte ich anfangs noch einen normalen Umgang zu diesem Sport. Ich blieb zuhause, wenn es regnete, freute mich wie ein Zaunkönig über 20 Kilometer Touren und dachte nicht einmal im Traum daran, im Winter Fahrrad zu fahren.
Bis ich dann im Frühjahr den vollständigen Verlust meiner Kondition vermelden konnte. Außerdem war ich fetter, als jemals zuvor.
Ich denke, dass ich zu diesem Zeitpunkt die dünne Grenze zwischen Freizeit-Hollandrad-Möchtegernsportler und Wahnsinn überschritt.
Denn ich schwor mir nie wieder meine Kondition im Winter zu verlieren!

Doch lange bevor der nächste Winter herein brach, mussten bei der alten Betsie einige Verschleißteile gewechselt werden.
Da der Dummkopf von Fahrradmechaniker dabei meine ganze Schaltung verstellte, musste ich sie selber nachstellen. Zwar hatte ich noch nie eine Dokumentation dazu gesehen oder wusste, was ich da tat, aber was sollte dabei schon groß passieren?
Am nächsten Tag war ich dann motiviert auf einer kleinen Testfahrt unterwegs und kam an einem Eisstand vorbei, wo gerade eine Gruppe Rennrad-Mädels eine Pause machte.
Um sie mit meiner bestens eingestellten Schaltung zu beeindrucken und um auch gleichzeitig den Willen ihrer und der nachfolgenden Rennradgeneration zu brechen (Nach dem Motto: "Wow, ist der schnell und auch gar nicht fett, mein Rennrad ist voll Kacke, ich hol mir lieber ein Mountainbike!"), ging ich in den Wiegetritt über und schaltete in längere Übersetzungen.
Ausgerechnet, als ich auf ihrer Höhe war und der Tacho über 30 km/h anzeigte, krachte irgendetwas und das Hinterrad blockierte.
Nun sollte man meinen, dass man mit einem blockierten Hinterrad nur noch wenige Meter schlittert und dann stoppt.
Die wenigen Meter waren aber in meinem Fall eine komplette Kreuzung. Als ich wieder aufgestanden war, sah ich, dass irgendein Trottel auf der Kreuzung einen Massenverkehrsunfall verursacht hatte, der die ganze Aufmerksamkeit der Rennrad-Mädels auf sich zog.
Die alte Betsie und ich mussten umsorgt werden und nicht dieser brennende Schulbus!
Was genau das Krachen war und wieso das Hinterrad blockierte, konnte mir mein Fahrradmechaniker später nicht sagen. Aus irgendeinem Grund begann er herzlich zu lachen, als er den Schaden sah. Ach, diese Deutschen mit ihrer Freundlichkeit im Service! Aber er übertrieb es ein wenig, denn er lachte sogar noch, als ich den Laden schon wieder verlassen hatte.
Durch dieses Erlebnis überschritt ich die schmale Grenze zwischen Motivation und körperzerfressender Verbitterung gegenüber Rennradfahrern. Doch, doch, diese Grenze gibt es.

Es dauerte Wochen, bis ich eine Konstruktion gebaut hatte, um es beliebigen Rennradfahrern heimzuzahlen, die mich überholten:
Im Film Waterworld gibt es eine Szene, wo dieser Typ da mit seinem komischen Dingsda-Boot irgendwas macht oder so. Jedenfalls drückt er einen Knopf oder so was und dann startet sein Boot einen Drachen, der es schneller macht. Hab ich jedenfalls gehört, denn ich habe selbst den Film nie vollständig gesehen, weil ich keine Raumschiffe mag.
Jedenfalls gibt es beim Fahrradfahren auch viel Wind. Besonders im Herbst. So hart der Wind...
Leider weiß ich heute nicht mehr, wo dieser Drache geblieben ist. Ich weiß nur noch, dass ich ihn auf einer Straße in der Nähe eines Strandbades eines gewissen Müggelsees in Berlin einsetzen wollte.
Ein Rennradfahrer überholte mich, was alle Badegäste gesehen hatten. Alle!
"Nicht heute!", rief ich ihm hinter her und lies den Drachen frei.
Wie geplant, entfaltete er sich und flog steil nach oben.
Der Rennradfahrer warf mir einen verwirrten und auch grimmigen Blick zu. Die Badegäste verbargen ihre Bewunderung unter einer falschen Maske des Desinteresses.
Dann kam ein Windstoß auf und der Drachen blies sich auf, wie ein Ballon, in den heiße Luft strömte.
Doch dann schaffte es der verdammte Rennradler irgendwie, dass der Drachen zurück kam und sich in meinem Vorderrad verfing.
Im Krankenhaus erzählte man mir später, dass es unklug gewesen ist, bei Gegenwind auf einem Fahrrad einen Drachen steigen zu lassen. Außerdem war man sich nicht sicher, wie ich bei dem Sturz Feuer gefangen hatte.

Diesem Jahr voller Niederlagen gegen Rennradfahrer folgte ein harter Winter. Wer meint, dass einem beim Radfahren im Schneeregen oder bei -20°C schon warm werden wird, soll seine fiese Fresse halten!
Aber mit der Kälte und dem Regen erkauft man sich wenigstens die Achtung der anderen Biker, die zuhause am Kamin sitzen und einen nicht sehen. Man ist allein im Schnee, aber irgendwas treibt einen an.
Ich vermutete zu dieser Zeit die Einwirkung einer gewaltigen und unbekannten Macht, die ich heute Irrsinn nenne.

In diesem Sommer wurde die alte Betsie durch einen 120 Jahre alten Kübelwagenfahrer getötet, der mich "gar nicht sah".
Was genau passiert ist, weiß ich gar nicht mehr.
Ich weiß nur, dass ich im Krankenhaus aufwachte.
"Ah, der fette Christian! Im Namen der Ärzte möchte ick dir danken, dank deinem Aufenthalten können wir den neuen Computertomographen und das Röntgengerät im neuen Anbau aufstellen, wa? Wir nennen ihn liebevoll den Fettsack-Flügel."
"Was ist mit Betsie? Ist sie in Sicherheit? Geht es ihr gut?
"Nun, ick fürchte, ditt se bei dem, watt du Männekinn als Sport bezeichnest, jetötet wurde, wa?"
"Das... das kann nicht sein, die Vorderbremse war vielleicht unwuchtig, aber sie war am Leben, das hab ich gespürt - Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiin!"

Jetzt - Wochen später - stehe ich mit der neuen Betsie auf dem Müggelberg. Es ist kein richtiger Berg, aber das höchste, was man hier finden kann. Die neue Betsie ist umso viel besser, als die alte, aber diese Schwärmerei ist objektiv betrachtet nur ein weiteres Symptom meiner Krankheit. Außerdem würdet ihr Baumarkradl-Noobs sowieso nicht raffen, was ich hier schreibe.
Um der alten Betsie meine Ehrerbietung zu beweisen, oder um die vielen Möglichkeiten der neuen Betsie auszuprobieren, will ich mich den Abhang runter stürzen. Nein, kein Suizid, Menschen mit meiner Krankheit nennen es Downhill, das ist etwas ganz anderes... Moment... Nennen wir es ruhig doch Suizid.
Es regnet leicht, jedoch ist es mit 18°C noch relativ warm.
"FÜR BETSIE!", schreie ich und lasse die Scheibenbremsen locker.
"HALT DIE FRESSE DU SPINNER! SCHEISS MOUNTAINBIKER!", ruft mir ein - offensichtlich zu Fuß gehender - Rennradfahrer hinter her.
Meine Geschwindigkeit steigt schnell an. Die Betsie unter mir beginnt stärker und stärker zu rütteln. Meine Griffe werden fester, zwei Finger an den Bremsen. Die Büsche und Bäume sausen an meinen Augenwinkeln vorbei. Ich lege mich in eine Kurve. Ein kurzer Blick auf den Tacho und ich sehe, dass ich über 40 km/h schnell bin. Wenige Sekunden später sind es über 50 km/h.
Mit der alten Betsie wäre das hier ein Selbstmordkommando. Die neue Betsie dagegen... Plötzlich sehe ich ein kleines Objekt auf dem Weg. Zu spät. Wie in Zeitlupe rutscht mir das Vorderrad weg und die neue Betsie verschwindet irgendwo unter mir.
Ich fliege. Ganz kurz nur.
Dann knalle ich auf den Boden und rutsche.
Doch das Rutschen hört nicht einfach so auf. Warum nicht? Ist es hier so abschüssig? Ich komme nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn vor mir sind Glasscherben. Einen Augenblick später nicht mehr. Dafür wird es in meinem Bauch angenehm warm.
Doch auch um das zu ergründen, bleibt keine Zeit, denn eine Bärenfalle taucht vor mir auf. Danach ein Fass mit Nägeln.
Als ich schließlich für ein dutzend Sekunden durch ausgelaufenen Zitronensaft gerutscht bin, komme ich am Fuß des Müggelberges zum Stehen.
Die neue Betsie touchiert meinen Kopf und springt wie ein Flummi weiter.
"Alles in Ordnung? Das sah ja schlimm aus", höre ich eine weibliche Stimme.
Mit aller Kraft kämpfe ich mich auf die Beine. Alles dreht sich.
"Kannst du mal aufhören, auf mein Cube Streamer zu bluten?"
Cube Streamer?
"Für euch Rennradfahrer ist's zu gefährlich im Wald", höre ich mich sagen.
"Iiiih, hör auf mich mit Zähnen zu bespucken!"
"Kann nicht zuhören, muss noch mal hoch!"

Ich brauche Hilfe.

© 2012 bei Christian Lafin