Depression

Kein Tag wie jeder Andere. Eigentlich ist kein Tag wie der Andere, was mir nicht sonderlich gefällt, aber man passt sich an. Aber darüber mach ich mir keine Sorgen. Über diesen Tag schon, weniger über mein Leben. Eher wie es weitergehen wird. Was sie wohl dazu sagen werden. Ich hab versprochen mich zu bessern, was nicht passiert ist. Lag wohl an mir. Nachher ist man immer schlauer. Endlich zu Hause angekommen. Ich schalte mein Handy ein, und bekomme, die Nachricht die mein Leben zerstören wird: 'Es ist nicht mehr so wie früher, es liegt an dir, es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen'. Ich lasse das Handy fallen, gehe einen Schritt rückwärts. Was sie mit mir machen, wäre nicht so schlimm, aber das nimmt mir alles. Sie hat gesagt 'Für Immer' egal was passiert. Ironie, oder ein Späßchen?. Man macht über so was keine Späße, und ich glaube nicht, dass sie so was macht. Sofort kommt mir der Gedanke 'Warum?' habe ich nicht alles für sie getan? Ich hab ihr die Sterne vom Himmel geholt, hab ihre Launen ertragen, war vorsichtiger als bei je einem zuvor. Ich verstehe das nicht, gehe zur Bushaltestelle und stecke mir eine Zigarette an. Es schmeckt nicht, wie immer, aber es ist zur Gewohnheit geworden. Ich schmeiß sie weg. Der Bus kommt. Ich steige ein, das Licht, obwohl es schwach ist, blendet mich. Er ist leer, wie immer. Leer wie mein Leben jetzt. Ich hab alles verloren. Weiß sie eigentlich, was sie mir damit angetan hat? Ob sie wohl genauso leidet wie ich? Bestimmt nicht, denn dann hätte sie nicht so was gemacht. Die Lichter ziehen wie in Zeitlupe an mir vorbei. "Entstation, raus hier", wird mir an den Kopf geworfen. Ich steige aus und laufe zur U-Bahn. Muss nicht lange warten, die kommen ja im Drei-Minuten-Takt. Als die U-Bahn einfährt, denke ich daran, ob es wohl sonderlich schmerzt, wenn die mich dreiteilt. Ich bekomme schiss und lasse es. Ein alter Mann sieht mich an, als ob er meine Gedanken lesen könnte. "Lass es sein Junge", meint er, "Sie ist es nicht wert".
Woher wusste er das? War er auch schon mal in so einer Situation? Ich will nicht alleine alt werden. "Sie ist es wert", sage ich zurück und steige in die U-Bahn. Sie fährt ab und der alte Mann bleibt verzweifelt zurück. Ob er weiß, was ich vorhab? Diese kurze Abschweife meiner Gedanken von ihr tat gut, auch wenn er viel zu flüchtig war.
Wieder denke ich an sie, wieder fallen mir all unsere schönen Momente ein. Ich versuche zu verstehen, was ich falsch gemacht hab. Ich versteh es sowieso nicht, also komme ich nicht drauf.
Die U-Bahn hält an, ich steige aus, und laufe zwei Blocks zu meiner Lieblingskneipe. Wir haben uns zwar schon mal richtig gezofft, aber diesmal ist es endgültig, das weiß ich. Warum kann sie das so einfach entscheiden, denke ich, warum kann einer, eine Beziehung, die aus zweien besteht, so einfach beenden, ohne mit dem Anderen zu sprechen. Wir haben uns ohnehin nicht so oft gesehen, die letzten Wochen. Schlechte Laune nimmt sie wohl für alles als Ausrede. Oder 'ich hab Kopfschmerzen'. Na und, hab ich auch, dauernd. Dieses Leben setzt mir zu. Immerzu wenn ich denke, es läuft bestens, bricht alles zusammen. Mit meinen Kumpels, wenn ich sie so nennen darf, denn viele von ihnen, waren es gar nicht, habe ich mich Verstritten, ihretwegen. Sie hatten doch recht. Manchmal sollte man einfach auf seine Freunde hören. Liebe macht blind. Und einsam. Ich war ja im Grunde schon immer einsam, hab's nur nie gemerkt.
Na ja, dann stört es wenigstens keinen. Wäre aber schön, wenn es jemanden stören, oder wenigstens interessieren würde. Meinen Kollegen wird es leid tun. Und mir tut es leid, dass sie da durch müssen, aber ich kann so nicht weitermachen.
Endlich da. Ich gehe hinein, und hänge meine Jacke an den Haken. Sie fällt runter. Mir egal, ich brauch sie sowieso nicht mehr. Ich setze mich an die Theke, bestelle einen Wodka. Oder eine Flasche besser gesagt. Ich schlucke die ersten drei Gläser sofort runter.
Es ändert nix, nur meine Gedanken werden weniger. Weniger mit jedem Glas, das ich auf Ex runterschlinge. Schlinge, weil ich das Zeug wieder brauche. Ich hatte schon mal ein Problem damit, niemand wusste es und ich bin alleine damit klargekommen. Dachte ich zumindest. Ich lache einmal laut auf. Die Leute starren mich kurz an, doch niemanden interessiert es wirklich.
Ich bedeute ihr wirklich etwas, sagte sie immer. Sie und ihre dämlichen kleinen Problemchen immer. Wieso hat sie immer alles an mir ausgelassen. Bin ich ein Animieräffchen auf Abruf? Wenn ich der... ich zerbreche mir daran den Kopf. Am Besten sollte man sich von Geburt an, in einem Zimmer verstecken, damit einem so was erspart bleibt. Ich wäre dankbar dafür gewesen.
Ein wichtiger Mensch, wieder lache ich auf. Diesmal schaut keiner. Einen wichtigen Menschen behandelt man nicht wie Dreck. War ich Dreck? Ich denke kurz nach und kann sagen: 'Ja'. Nur wie Dreck! Immer ging es nach ihr. Bei jedem Bisschen hat sie gemeckert. Zicke! Ich hab mich nie beklagt, obwohl ich jeden Grund dazu hatte. Immer alles in mich hineingefressen hab ich. Weil ich sie liebe. Die Flasche ist leer, und ich hab kein Gefühl mehr in meinen Gliedmaßen. Ich schütte meine Brieftasche aus, sage es stimmt so, und gehe. Das ich meine Jacke vergesse habe, stört mich gar nicht. Ich merke die Kälte sowieso nicht mehr.
Ich finde den Weg nicht. Laufe durch die Gegend. Es ist spät, keiner ist mehr draußen. Meine Hände sind ganz kalt geworden.
Ich komme an eine Brücke, jetzt merke ich die Kälte doch, meine Finger sind schon blau. Aber richtig blau, kein Lila. Das sieht komisch aus, sie sind auch ganz verknittert. Ich stehe an der Brücke, sehe hinunter. Mir kommt der Gedanke, dass dort unten ein neues Leben auf mich wartet. Oder überhaupt ein Leben, denn das kann man ja wohl kaum Leben nennen. Wieso hast du das gemacht, wieso bist du nur auf diesen Menschen eingegangen. Das Risiko ist einfach zu groß, und das hab ich auch vorher gewusst, aber ich muss ja jeden scheiß ausprobieren.
Ich klettere auf das Steingeländer der Brücke. "Freiheit!", schreie ich so laut ich kann. Es ist nicht laut, weil es so kalt ist, und meine Lunge bestimmt schon entzündet ist. Ich bin wahrscheinlich stundenlang durch die Gegend gelaufen.
Das Gleichgewicht kann ich nicht halten, wie auch. Ich falle, knalle mit dem Kopf auf den Brückenrand. Ich merke nur, wie warmes Blut über meinen Schädel rinnt. Sonst nix. Kein Schmerz. Das ist schön. Ich bin schwerelos, dann wird es nass. Nur merke ich das nicht, ich merke nur, dass es dunkel wird und mir die Luft wegbleibt, ich sinke. Die Oberfläche gleitet immer weiter davon. Plötzlich wird mir klar, dass ich noch gar nicht sterben will, und dass das Schlimmste noch kommt. Ich ringe nach Luft. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, Wasser zu atmen. Unbeschreiblich. Dann wird es dunkel. Für Immer...

Geschrieben 2001 von Christian Lafin
Überarbeitet am 12. März 2002