Depression

Ein riesiger Komplex, Wände aus Beton, monotones Marschieren von Draußen, ich inmitten und starre in die Leere.
Dann ein Flug durch den Komplex: veraltete Möbel, Fußböden mit alten Linobelägen aus den 70er Jahren, Soldaten die gelangweilt dasitzen oder Karten spielen, vereinzelt durch die Gegend laufen. Ich bin auf einem Tisch fixiert, kann mich nicht bewegen und bin kaum bei Bewusstsein. Ich schwitze und habe Schmerzen in den wachen Momenten.
Ich höre eine Stimme: "Gefreiter...", sie verebbt schallend.
Dann sehe ich mit blassem Gesicht in irgendeine Richtung, ein Laserzielgerät an meinem Kopf visiert ein Ziel an. "Ich bin Gefreiter vom Heer, Widerstand ist zwecklos". Ein Bohrer piekt sich in mein offenes Auge, krümmt die Netzhaut, meine Haut wird blasser.

Ich wache auf, sitze an einem Schreibtisch und starre entsetzt in die Leere. Schon wieder so ein verdammter Traum! Kurz atme ich durch und freue mich darüber, dass es nur ein Traum war. Um mich zu erfrischen, will ich mir etwas Wasser ins Gesicht spritzen, doch als ich meinen kahlrasierten Schädel genauer im Spiegel betrachte, sehe ich eine Beule auf meinem Kopf, die pulsiert. Plötzlich durchstößt sie die Kopfhaut und ein Stahlhelm kommt zum Vorschein, der sich fest an meinen Kopf krallt.

Ich wache auf, das Telefon klingelt. Was für ein verdammter Traum! Da denkt man, man ist wach, was aber Teil vom Traum ist.
"Ja?", spreche ich in den Hörer.
"Ich hoffe ich störe dich nicht, Jean Luc", höre ich die Stimme meines Vaters.
"Ich heiße zwar nicht Jean Luc, Pa, aber die Antwort ist: nein... ich bitte dich", antworte ich.
"Deine Freiheit wurde heute Morgen vernichtet. Ich vermutete es ist...", erklärt er mir, doch ich unterbreche ihn: "Ja, ich weiß... die Bundeswehr."

Computerlogbuch Sternzeit 51209,3. Der Augenblick, vor dem ich mich seit 4 Jahren fürchte, ist schließlich gekommen. Die Bundeswehr - mein tödlichster Feind (nach kleinen Wurfmessern und rachesüchtigen Blicken im Bus 263) - hat mit einer Invasion meiner Freiheit begonnen... und diesmal kann sie vielleicht nicht aufgehalten werden.

6 Wochen später

"Wir sind die Bundeswehr. Deaktivieren Sie ihr Zerebrum und ergeben Sie sich. Wir werden ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unsrigen hinzufügen. Ihre schwächliche Muskelmasse wird sich anpassen und uns dienen. Widerstand ist zwecklos.", ertönt es mir noch immer in den Ohren.

"Hee du", piept mich ein Jüngling mit grauer Uniform und roter Mütze an, "Was willstn du hier?"
"Was könnte man hier in diesem Kreiswehrersatzamt schon wollen", frage ich und deute umständlich auf das Gebäude, das uns umgibt.
"Sei ein bisschen netter zu mir", winkt er ab und fragt dann: "Und wie heißt du?".
"Personenkennziffer 3 of 5, tertiäres Attribut von Unimatrix 03", antworte ich gelangweilt.
"Na dann hüpf mal in den Warteraum", schmunzelt er und winkt nach rechts in den Warteraum.

60 Minuten später

Inzwischen bin ich in den ersten Warteraum zur ärztlichen Untersuchung angekommen. Der Schrank verlangt 2€, die ich jedoch beim Empfang borgen muss.
"Das steht doch klar und deutlich auf dem Zettel drauf", tadelt mich der Jüngling.
"Ach ja, wo denn?", frage ich und zeige ihm ein Bild, auf dem ein Pferd durch ein Mädchen geht und nicht mal grüßt.
"Is ja auch egal jetze", antwortet er mit überschlagender Stimme, schließlich nach 30 Minuten, "Hier die 2 Euro, dein Nacktfoto hohlste dir nachher einfach hier bei mir wieder ab".
Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht, aber ich weiß nicht genau was.
Als ich wieder in den Warteraum 1 trotte, läuft eine Schwester an mir vorbei, die einen bleichen Kerl am Arm neben sich herschiebt. Der Kerl sieht mich mit starren Augen an, wobei man deutlich sehen kann, wie sich Teile seiner Haut verändern. Einige Stellen werden dunkelgrün, fast schon fleckig.
Während ich an einem Raum vorbei laufe, in dem die Tür offen steht, sehe ich jemandem, den sie den Arm abmontieren und dafür ein G9 aufsetzen.

Nach ca. 45 Minuten Wartezeit in Warteraum 1 folgt eine 2-minütige Kurzuntersuchung, wo ich vermessen und auf einer Schwertransportwage gewogen werde. Einen Becher soll ich auch noch füllen, dummerweise werden es 5. Die Autobahnfahrt von 45 Minuten war einfach zuviel für mich.

Danach heißt es wieder warten, doch diesmal in Warteraum 2, das dauert aber nur 30 Minuten (!).
Der nächste Arzt stellt eine Menge Fragen, wovon ich einige falsch verstehe. Eigentlich verstehe ich nur von der eigentlichen Drogenfrage ("welche genau?") "wie wars?", woraufhin der Arzt wissen will, was "Endgeil" ist.
Als mich der Arzt später an Stellen untersucht, die ich selbst nicht kenne, springt plötzlich die Tür auf und der Jüngling vom Empfang kommt hinein.
"Endlich... ich meine Hoppala", entschuldigt er sich ohne mir jedoch in die Augen zu sehen.
Der Arzt, der vor mir kniet, poltert ihn barsch an: "Raus hier!".
"Soll ich nicht die Heizung etwas hoch drehen?", fragt er.
Der Arzt schüttelt den Kopf.
"Magst du noch einen Prosecco?", fragt er mich.
"Nee du, die Frau nebenan hat keine Becher mehr... aus unerfindlichen Gründen", antworte ich murmelnd.

180 Minuten später

Nach einer unendlich langen Odyssee bin ich im Eignungstest-TestmichderTeufelIrgendwas-Raum angekommen und werd an einen Computer gesetzt und mit einer stummen Geste wird mir verdeutlicht, dass ich den Anweisungen auf dem Monitor folgen soll.
'Na gut, das wird einfach', denke ich mir und beginne.
Doch nach 30s - in denen die Benutzung der Taste "Grün" (für weiter) geübt wird, bin ich schon so gelangweilt, dass ich nur noch die grüne Taste drücke und mir nicht mehr die Texte durchlese. Auch die Fragen sind einfach, es ist immer die gleiche Antwort. Das weiß ich nicht, weil die Aufgaben und Antworten ja nicht lese, aber ich kanns mir denken, weil eben auch immer die grüne Taste richtig war.
Wenig später stürzt der Computer ab, weil ich im Übungsmodus (die Lösungen werden vorgegeben, man muss nur die richtige Nummer drücken, um das Eintragen der Lösungen zu üben) drei Mal falsch antworte.
"Kann doch jedem passieren", entschuldige ich mich bei der entsetzten Testleiterin, die wie gebannt auf den brennenden Monitor starrt, "Woher soll ich wissen, dass Falsch auch Falsch bedeutet?"
Für die restliche Zeit bin ich so demotiviert, dass ich nur noch die Taste 3 drücke, bis die Leiterin mich irgendwann anspricht: "Da kommt nix mehr, der Test ist zu Ende".
"Hm...", nicke ich, "Versteh ich nicht".

"Also, es gibt die Note 1 bis 7. 1 ist sehr gut, 7 ist weniger gut", erklärt sie mir, "Gute Nachricht: Sie haben keine 7".
"Das ist absolut unmöglich", entfährt es mir, weil ich ja eben immer dieselbe Taste gedrückt hab.

"Mit ihrem Ergebnis dürfen Sie als Fahrer anfangen und als Sicherungssoldat", erklärt sie mir.
"Ist Sicherungssoldat der, der dafür verantwortlich ist, in der ersten Angriffswelle die Munition des Feindes abzufangen?", frage ich.
"Wie viel wissen Sie über Aktion "Menschliches Schutzschild?", fragt sie mich, während sich langsam eine gläserne Röhre auf mich nieder senkt.
" Ähm Christian", antworte ich strahlend, worauf die Röhre wieder verschwindet.
"Als Fahrer dürfen Sie auch Panzer fahren...", versucht sie mich dahin zu locken.
" Juhu", springe ich auf und mache Panzergeräusche.
"Gehen Sie jetzt", guckt sie mich böse an, woraufhin ich geknickt den Raum verlasse.

am Ende

Nach 4,5 Stunden verlasse ich das Amt endlich und liege damit - im Vergleich zum Minitat - noch gut in der Zeit. Der Wagen ist inzwischen verbrannt, ich hätte wohl den Motor nicht laufen lassen dürfen... na ja, wer hätte ahnen können, dass es so lange dauert. Auf Ämtern flitzt schließlich jeder, nicht wahr.

Tage später

"Die Bundeswehr hat gerade 3 unserer Verteidigungscheckpoints überrannt, sie sind wieder auf dem Vormarsch", klagt meine Freiheit, "Sie stellt sich auf jede mudol... mudul... Veränderung unserer Waffen ein, es ist als würden wir mit Wattebällchen werfen".
"Wir müssen einen anderen Weg finden", falle ich ihr ins Wort, "Und bis dahin sollen Ihre Männer die Stellung halten".
"Was?", fragt Freiheit verwirrt.
"Kampf Mann gegen Mann, nackt im Schlamm, hier und jetzt, wenn es sein muss", befehle ich im barschen Ton.
"Captain, wir müssen den Kampf abbrechen und uns mit Hilfe des Kriegsdienstverweigerungsantrages in Sicherheit bringen", mischt sich Mut ein.
"Nein", schimpfe ich, "Wir halten die Stellung und kämpfen! Wir haben die Freiheit noch nicht verloren, Mister Mut, und wir werden sie nicht verlieren! Nicht an die Bundeswehr, nicht unter meinem Kommando."
"Bei allem Respekt, Sir", erwidert Mut, "Ich glaube Sie lassen sich durch Ihre persönlichen Vorstellungen von Demokratie und Gerechtigkeit in Ihrem Urteilsvermögen beeinflussen."
"Sie sind Angst", beschuldige ich Mut, und stutze kurz, weil ich mich selbst verwirrt hab, "Sie wollen diesen Antrag stellen und weglaufen, Sie Feigling. Runter von meiner Brücke!"
Wutentbrannt stürme ich in meinen Bereitschaftraum und beginne sinnlos nach Posten zu suchen, die ich noch besetzen könnte.

"Sie elender Feigling", schimpft eine Stimme mit mir, von der ich nicht weiß, woher sie kommt.
"Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für S..."
"Okay, ich verstehe einen Dreck von der Freiheit, genau wie jeder in diesem Land, aber wenn wir so einen verdammten Antrag stellen können, sollten wir es tun!".
"Sie verstehen das nicht... keiner versteht das... keiner..."
"Was wollen Sie damit sagen?"
"Vor über 14 Jahren wurde damit begonnen, mir die Freiheit zu rauben... der Staat implementierte seine kybernetischen Geräte überall in meinen Verstand. Ich war mit ihren Zwängen verbunden, jede Spur von Individualität gelöscht. Ich war einer von ihnen... Sie können sich vorstellen: Ich sehe diesen Staat unter einem ganz besonderen Blickwinkel, ich weiß, wie man ihn bekämpfen kann. Wenn Sie jetzt bitte gehen würden..."
"Es ist so einfach... der Staat hat Sie verletzt und jetzt wollen Sies ihm heimzahlen."
"In meinem Denken unterliege ich nicht mehr dem Hass auf den Staat".
"Blödsinn! Man kann doch schon gar nicht mehr anders!"
"Ich habe keine Zeit für so etwas"
"Ah ja, verstehe. Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Captain Ahab muss ja auf die Suche nach seinem Wal..."
"Was?"
"Sie haben doch Bücher gelesen?!"
"Hier geht es nicht um eine Jagd, hier geht es um die Rettung der Freiheit."
"Lügner! Geben Sie den verdammten Antrag ab!"
"Nein! Noooooaaaaain!", schreie ich und schlage wild um mich, "Ich werde die Freiheit nicht opfern. Wir haben schon zu viele Kompromisse gemacht, zu viele Rückschläge erfahren. Sie dringen in unser Privatleben ein und wir weichen zurück. Sie erhöhen die Steuern und wir weichen zurück. Sie eliminieren ganze Menschenrechte und wir weichen zurück. Doch jetzt nicht, hier wird der Schlussstrich gezogen, bis hier her und nicht weiter! Und ich, ich werde sie bezahlen lassen, für ihre Taten!".

" Sie haben ihre Grundrechte zerbrochen... bis dann Ahab", verabschiedet sich die Stimme.
"Wäre sein Leib eine Kanone, hätte sein Herz auf ihn geschossen", zitiere ich Moby Dick.
"Was?"
"Ahab jagte jahrelang der Freiheit hinter her, deren Anblick ihn verkrüppelt hatte... Doch letztendlich zehrte ihn die Jagd auf und vernichtete ihn und seine gesamte Freiheit...", erkläre ich.
"Er wusste wohl nicht, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist..."

Ich nicke kurz und verkünde dann: "Beginnen Sie mit dem Aufsetzen des Antrages... 15 Tage stiller Countdown."

Epilog

Das es in diesem Land voller Ungerechtigkeit nur so wimmelt, ist ja bekannt, aber das es einerseits Freiheit und Demokratie heißt und andererseits "Wehrdienstzwang" ist schon komisch, oder?
Im Endeffekt sind wir so frei, dass wir nicht mal Kuwait überfallen müssten, um alle Kriterien für eine Bombardierung durch die USA zu erfüllen.

Geschrieben 2004 von Christian Lafin