Und wofür steht das "Job" in Jobcenter?

Es war ein warmer Sommertag im Jahre 2008, in einem Ort irgendwo in der Nähe von Berlin.
Ruhig war es, die Vögel zwitscherten leise und das ferne Marschieren von Neonazis versprühte eine beruhigende Essenz auf die würdelosen Zombiekörper, die in und vor einem ganz besonderen Gebäude standen.
Gebäude dieser Art wurden neudeutsch als Jobcenter bezeichnet, auch wenn dieser Begriff soviel mit dem Deutschen zu tun hatte, wie das Gewinnen eines eigens angezettelten Weltkrieges. In ferner Vergangenheit wurden Jobcenter noch als Arbeitsämter bezeichnet, was ihre Tätigkeit jedoch genauso unpassend beschrieb, denn gearbeitet wurde dort nie. Viel treffender wäre der Name 'Ich hasse Menschen und spucke auf Stolz, Würde und gesunden Menschenverstand, deswegen arbeite ich hier-Amt' gewesen aber das war wohl irgendwie zu... lang.

Vor diesem besagten Gebäude hielt nun an diesem Sommertag eine 25 Meter lange, schwarze Limousine, eine grimmig dreinschauende Figur stieg aus dem hinteren Teil und warf einen abwertenden, dennoch aber bösen Blick auf das unschuldige Jobcenter.
Die Figur war in Wirklichkeit ein ganz normaler Mann mit einer Augenbraunfehlbildung, die ihn immer böse erscheinen ließ, auch wenn er lachte. Das wusste natürlich niemand, weil er entweder nur in seinem gigantischen Keller lachte, oder wenn er sich mit seinen Freunden in einem teuren Glaspalast namens Reichstag aus reinem Amüsement gegenseitig beleidigte. Er selbst kannte diese Art der Freizeitbewältigung nur unter dem Namen Politik.

Die Hitze des Sommertages war ein wirklicher Schock für den klimaanlagenverwöhnten Körper des Mannes. In seinem schwarzen Armanianzug begann er zu schwitzen, seine Stimme wurde tiefer und röchelnder.
"Park den Wagen nicht zu weit weg, Luke, ich bin... gleich wieder zurück, denn ich habe einen Termin", rasselte der Mann zu seinem Chauffeur, der ihm die Tür aufhielt.
"Ja, mein Lord", nickte dieser, schloss die Tür hinter dem Mann und entfernte sich.
Zielstrebig schritt der Mann im Anzug zur Tür des Centers und keuchte zu einer Frau, die daneben stand und einen Stock zu rauchen versuchte: "Öffne mir die Tür, Handlanger!"

Zum ersten Mal in seinem Leben lernte der Mann an diesem Tag, wie es war, seine Hände benutzen zu müssen... und wie sich eine blutige Nase anfühlte.
Sein Anzug war weniger schwarz und hatte mehr staubige Fußtritte als er endlich ins Innere des Centers kam.
Doch, was er dort sah, überraschte ihn noch viel mehr: So viele und so lange Schlangen hatte er nicht mehr gesehen, seit es in der Reichstagskantine vergoldeten Gratiskaviar gegeben hatte. Also seit letztem Mittwoch, dem Gratiskaviar-Mittwoch, der wöchentlich stattfand und zwischen dem Gratisschinken-Dienstag und dem Gratispudding-Donnerstag lag.

Es dauerte zwei Stunden, bis sich der Mann vom Ende der Schlange bis zur Theke vorgearbeitet hatte.
"Grüße Handlanger, ich bin der kleine Münti und möchte mich arbeitslos melden!", sagte er und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, das sich zu seinen bösen Augenbrauen konterkarierte.
"Und du heißt der kleine Münti, Junge, ja?", murmelte eine dicke Frau mit arrogantem und gleichzeitig desinteressiertem Blick.
Sie musterte ihn von oben bis unten herabwürdigend und sagte: "Wie putzig!"
Dann drückte sie dem kleinen Münti einen 5 Kilogramm schweren Haufen Papier in die Arme, so dass dieser sich noch nicht einmal die Spucke die das p im Wort 'putzig' in seinem Gesicht hinterlassen hatte, abwischen konnte.
"Füll das aus, Junge, dann bekommst du den Antrag für das Arbeitslosengeld. Und wenn du mich heute noch mal nervst, hau ich dir deine fiesen Augenbrauen vom Kopf, echt Junge!", versprach die Frau.

Mit weinerlicher Mine (und trotzdem immer noch bösen Augenbrauen) suchte sich der Mann einen Sitzplatz und versuchte zwischen einem nach Bier stinkenden, Trainingshosen tragenden, schlafenden Fettwanst und einer weinenden Frau mit mehr Kindern im Schlepptau als Zähnen im Mund seinen Antrag für den Antrag auszufüllen.
"Wie soll ich das nur alles bezahlen, mein Geld wurde inzwischen so weit gekürzt, dass ich bereits jeden Monat 345 Euro an das Amt überweisen muss", schluchzte die Frau und schnäuzte sich im Ärmel von Münti.
"Geh arbeiten, Handlanger, du bist schließlich nur faul!", sagte der kleine Münti.

Erst am nächsten Morgen kam er wieder in der Toilette des Jobcenters zu Bewusstsein. Die Wände waren mit Blut verschmiert (mit seinem Blut) doch das Hämatom, das auf sein Gehirn drückte, hatte glücklicherweise auch sein Kurzzeitgedächtnis außer Gefecht gesetzt und ihm die Erinnerungen an seine Folterung genommen.
Er wusste nur noch, dass er ja einen Termin im Jobcenter hatte. Aber wie spät war es? Irgendwie war ihm seine Rolex abhanden gekommen. Zum Glück hatte er im Wagen noch eine als Ersatz. Und zwei in seinem Sommerhaus in Griechenland. Und eine in seinem Winterhaus in Norwegen. Und eine in seinem Ferienschloss in Bayern...
Wieso, wieso nur hatte er jetzt keine dabei?
Kopfschüttelnd und torkelnd entkam der kleine Münti der Toilette.
Überall waren Menschen. Menschen in Schlangen, Menschen mit deprimierten Gesichtern und Menschen an Stricken. Aber allesamt waren sie faul, das wusste der kleine Münti genau. Als er seine Zeit noch in der Sonderschule der Nation (im üblichen Sprachgebrauch auch: Bundestag) verbracht hatte, und nicht gerade damit beschäftigt war, sein Gehalt zu erhöhen oder Steuern zu verschwenden oder sein Gehalt zu erhöhen oder die anderen zu beleidigen oder sein Gehalt zu erhöhen... dann war er gegen die Massenfaulheit vorgegangen.

Der kleine Münti beschloss, auf eigene Faust nach jemandem zu suchen, bei dem er sich melden konnte und setzte seinen sesselgeformten Hintern in Bewegung. Dabei versuchte er den vielen Menschen auszuweichen und stolperte durch eine (dummerweise nicht abgeschlossene) Tür in das Büro eines so genanten Sachbearbeiters.
So ein Sachbearbeiter ist in Wirklichkeit ein Mensch, der Menschen hasst und so unglaublich faul ist, dass nur seine Dummheit die Faulheit übertrifft. Mit seinen 17 Jahren war er damals der Kampagne 'Biste nix, kannste nix, werde Sachbearbeiter!' gefolgt.
So standen sich nun der kleine Münti und der erschrockene Sachbearbeiter gegenüber. Der eine in seinem zerfledderten Armanianzug, mit einem Rippenbruch und fehlenden Zähnen, der andere gerade aus seinen süßen Träumen in einer Händematte aufgescheucht.
"Was stören Sie mich, sehen Sie nicht, dass ich arbeite?", brüllte der Sachbearbeiter und warf sein Kissen auf den Boden.
"Tut mir leid, Handlanger, ich möchte mich arbeitslos melden", erwiderte Münti und setzte sich auf einen Stuhl.
"Na ja, wenn Sie schon mal hier sind, kann ich Ihren Antrag auch gleich ablehnen, weil mir Ihre fiese Fresse nicht gefällt", zuckte der Sachbearbeiter mit seinen Schultern und setzte sich auf einen anderen Stuhl vor einen Computer.
"Name, Vorname!", fragte der Sachbearbeiter im Befehlston ab.
"Müni, der kleine", antwortete Münti brav.

Die weitere Befragung dauerte drei Stunden, erst danach kam man zum relevanten Fragenteil:
"Was haben Sie denn so für Qualifikationen?"
"Na ja... ich kann viel und lange reden, habe ein ausgeprägten Sinn für Selbstzufriedenheit und meine Stimme ist Opium fürs Volk!"
"Okay, Qualifikationen: keine. Als was haben Sie bisher gearbeitet?"
"Ich war Politiker mit meinen Freunden wie dem lachenden Clemmi, dem überfetten Kurti und Ferkel der Mecke."
"Politiker, soso... sagen Sie doch gleich, dass Sie noch nie gearbeitet haben!"
"Aber ich..."
"Sie brauchen sich für nichts zu entschuldigen, ich habe doch Verständnis. Wer nicht arbeiten will oder kann, geht in die Politik. Wer nur geistigen Dünnschiss unter das Volk bringen will, geht in die Politik. Wer absahnen und ungestraft davon kommen will, geht in die Politik! Und da mit §47611 des Arbeitslosenverfolgungsstrafbuches keiner mehr Geld bekommt, müssen Sie wohl oder übel ihre Würde gegen Sozialgeld eintauschen."
"Wo muss ich dafür hin, ich hatte doch hier einen Termin..."
"Nein nein, dafür sind Sie hier genau richtig. Sie geben einfach ihre Würde auf, tun alles, was wir sagen und bekommen dafür im Monat ganze drei Kreuzer", unterbreitete der Sachbearbeiter dem kleinen Münti das verlockende Angebot. Gleichzeitig holte er drei funkelnagelneue Groschen aus einer Schublade unter seinem Tisch und legte sie vor die gierigen Augen des naiven Ex-Politikers.
"Moment Mal, hier im Computer steht, dass Politiker eigentlich gar keine Würde, keinen Stolz und vor allem keine Ahnung haben! Wer keine Würde hat oder sie sich durch einen Trick behält, wird sanktioniert!"
"Und was ist mit meinem Job? Ich dachte, sie vermitteln mir einen..."
Der Sachbearbeiter brach in Gelächter aus und hielt sich seinen dicken Bauch.
"Oh, Sie meinen das Ernst", beruhigte er sich nach über einer halben Minute wieder und sah dem kleinen Münti tief in seine grimmigen Augen, "Im Jobcenter werden doch keine Jobs vergeben, wir sind da, um das zu verhindern!"
"Oh... okay. Und warum sind wir beide dann hier?"
Der dicke Sachbearbeiter und der kleine Münti sahen sich eine Minute stillschweigend an, bevor der Sachbearbeiter wieder das Wort ergriff: "Raus jetzt!"

Wenige Minuten später verließ ein verwirrter, um 100.000 Euro ärmerer Münti das Jobcenter.
Seine Limosine fand er ausgebrannt vor, der Chauffeur hing aufgeknüpft an einem Baum.
Daraufhin fasste der kleine Münti einen verhängnisvollen Entschluss: Er wollte seinen Hubschrauber herbei rufen und suchte sich deswegen seinen Landplatz genau im Aufmarschgebiet der Neonazis.

Seine Leiche wurde am nächsten Tag an mehreren Stellen der Stadt wieder gefunden. Drei Tage später erhielt ein Säugling in Hamburg eine Nottransplantation von Augenbrauen. Von bösen Augenbrauen...

Geschrieben 2006 von Christian Lafin