JR

Der Weckerton erklingt wie ein fernes Schreien, das mich aus meinem so schrecklichen Inseltraum reißt. Wie dankbar ich bin, der Sonne, dem Strand, den Palmen und der Wärme zu entfliehen. Und das alles noch durch ein wundervolles, melodisches Piepen, dessen Profession es ist, durch Mark und Bein zu dringen. Man kann ihm nicht entfliehen, ich auch nicht.
Langsam richte ich mich auf und versuche - blind - das Geräusch auszumachen. Ich wanke zum Schrank und drücke auf eine der Tasten. Das hektische Piepen, weicht einem Signalpiepen, das klarmachen soll, dass der Krach nun gleich ein Ende haben wird. Krach endet mit Krach. Am Ende stirbt der Signalton schnell ab, und mit einem verschwommenen Blick wird mir klar, dass der nie repariert werden wollende Wackelkontakt des Weckers gerade die Uhrzeit und die Alarmzeit gelöscht hat. Ein kurzer, fast unscheinbarer Funken der Wut glimmt kurz auf, als ich die Alarmzeit neu einstelle. Die Uhrzeit findet er ja von alleine, sobald die ganzen Stromfresser in meinem Zimmer nicht am Netz hängen und mal ungefährliche, mal krebserregende, elektromagnetische Strahlung abgeben. Gleich danach entsteht wieder diese alltägliche Übelkeit, nur heute fehlt dieser wohl bekannte Aschegeschmack in meinem Mund, von dem sie her rührt, wovon ich zumindest teilweise überzeugt bin.
Als ich mein Zimmer verlasse, schnellt eine Gestalt auf mich zu, hält mir ein kleines Kristallglas, mit Muster entgegen und wünscht mir ein: "Guten Morgen, JR".
"Guten Morgen", entfährt es mir. Verdammt verdammt, ich muss vorsichtiger sein, sonst könnte man meinen, ich hätte gute Laune an diesem Dienstagmorgen. Mein Blick wird etwas klarer, die Gestalt wird zu einem jungen Mann, mit viel zu langen, aufgebauschten Haaren, einem weinroten Jackett und einer ockerfarbenen Schlaghose. Schlaghose? Seit wann trägt jemand in diesem Haus so etwas, außer mir?
Die Person rührt sich nicht, blinzelt nicht einmal. Ich versuche das Glas entgegen zu nehmen, das er mir hinhält, doch sein Griff sitzt bombenfest, als wenn Hand und Glas miteinander verschmolzen wären.
"Guten Morgen, Bobby. Danke für den Drink", entfährt es mir abermals. Oh nein, was für ein schrecklicher Morgen, ich bin freundlich und dankbar. Das Grauen scheint kein Ende zu nehmen. Bobby - sofern er wirklich so heißt - fängt an zu blinzeln, gibt das Glas frei und rauht mir ein "Unfreundlich, wie immer, JR" entgegen. Gut, er hat also nichts gemerkt. Aber wieso?
Die Frage wird unwichtig, als ich das bernsteinfarbene und nach Eichenholz riechende Zeug im Glas hinunter schütte. Nachdem meine Zunge brennt, und mein Hals ebenfalls, wird mir die Fähigkeit genommen, zu atmen. Hastig und mit hoch rotem Kopf stürze ich ins Bad und breche vor dem Spiegel zusammen. Zum einen wegen der Schmerzen und zum anderen wegen meiner Frisur. Sie ist ähnlich aufgebauscht, wie die von Bobby, nur nicht ganz so voluminös. Außerdem habe ich ein rotes Tuch am Hals, was zumindest die Übelkeit erklären würde, sofern sie überhaupt noch zur Diskussion steht.
Als ich das Bad verlasse, hat sich meine Tasche in einen Aktenkoffer verwandelt. Bobby steht an der Tür, sieht wütend nach Draußen.
Ich stelle mich daneben und erblicke einen brennenden, schwarzen Wagen - ohne Supercomputer den ich Kumpel nennen muss.
"Das wirst du büßen, JR", sagt Bobby mit sichtbar unterdrückter Wut und leicht bebender Stimme, wobei er mir ein weiteres Glas in die Hand drückt "Das ist zwar dein Wagen, aber das wirst du mir büßen, JR".
"Bobby, ich weiß nicht was du meinst", entgegne ich, völlig verwirrt.
"Spar dir deine Gemeinheiten und Lügen, JR", schimpft er, wendet sich theatralisch und geht davon.
Das Zucken in meinem linken Auge verschwindet, als ich das 2. Glas leere und zum Bus laufe. Etwas ist anders, heute, aber ich weiß nicht was.
Der Busfahrer begrüßt mich mit einem "Guten Morgen, Mister Ewing", und drückt mir ein Glas in die Hand, was ich beides nickend hinnehme. Noch bevor die Türen schließen, zückt er ein Keyboard und spielt eine sehr eigenartige Melodie, die mir bekannt vorkommt, als wenn ich sie jeden Morgen hören würde. Kurz erscheinen mir Bilder von Ölquellen, Hochhäusern und mir, wie ich grinsend in einem Drehstuhl sitze.
Die Fahrt dauert so lang, wie jeden Morgen, aber heute spielt dabei in weiter Ferne nicht "In Extremo" sondern ein Saxophon, wobei ich schwören kann, das dabei noch einer leise auf einem Krug bläst. Der Busfahrer drückt mir zum Abschied nochmals ein Glas in die Hand, was an der Zahl jetzt schon 4 sind.
Während ich beim Umsteigen durch einen bestimmten Bahnhof laufe, erblicke ich nichts anderes, als tausende, glänzende Lichter und einige Kronleuchter an der Decke.
An der Haltestelle für das große Fahrzeug, das viele Menschen transportiert, einen Fahrer hat, automatische Türen, und dessen Name mir nach dem Leeren des Glases nicht mehr einfällt, stelle ich meine Aktentasche ab und trinke am 5. Glas, von dem ich nicht weiß, wo es herkommt. Ich erblicke die Person, die mich Tag ein, Tag aus mit missbilligenden Blicken straft, jedoch manchmal - vom Glück besessen - freudig anstrahlt. Heute hat sie kein Vogelnest auf dem Kopf, jedoch lange, glatte und vor allem braune Haare. Sie marschiert schnurstracks auf mich zu, drückt mir ein weiteres Glas in die Hand, wobei ich jetzt keine Hand mehr frei habe und nimmt einen Batzen von grünen 1000-Scheinen aus meiner Jacke. Um Himmels willen, woher hab ich diese Menge an Bargeld, das ist mehr als das neunfache eines Jahresgehaltes. Sie zerreißt das Geld vor meinen, sich mit Tränen tränkenden Augen und zischt mich barsch an: "Du kannst dein dreckiges Geld behalten, JR". Ich leere beide Gläser gleichzeitig und bekomme daraufhin eine geklatscht. "Nein, JR, du bist betrunken".
Ich? Stimmt gar nicht, von was denn?
"W...W...W...Wu", stottere ich.
"Begreife endlich, dass du nicht jeden kaufen kannst, JR", sagt sie und steigt vor mir in den Bus. Würde ich jetzt in einen Spiegel gucken und mich erkennen können, sähe ich meine rechte Braue, wie sie den Haaransatz berührt.
Als ich nun endlich meinen Zielort erreiche und den kurzen Weg bis zu meiner Firma gelaufen bin, erblicke ich gar nichts. Es ist doch wie immer, ich laufe um das dreistöckige Gebäude und erblicke nichts. Nichts, außer Wasser, schmutzig, mit schwarzen, teilweise schillernden Flecken.
Erschrocken drehe ich mich nach rechts: ein blau-gelbes Einkaufszentrum, das allerlei Dinge verkauft, die man entweder nicht aussprechen kann, weil sie so abstrakt klingen, oder weil man vor Lachen nicht sprechen kann. Weiter rechts ein Teppichhändler, dann ein Spielzeugladen, zwei Pseudocomputerhändler und ein richtiges Möbelgeschäft. Hinter mir dann die Tankstelle und links neben mir die Häuser. Nur vor mir ist nichts als Wasser, ein Steg und ein deutsches VII-C-Boot. Ich erblicke meinen Chef, der einen grauen Isländer und eine weiße Mütze trägt. "Nun kommen sie schon an Bord, II LI.", ruft er mir rüber. Mein Auge beginnt wieder zu zucken und zwischen einem "Alarm... Fluten!"-Schrei und weißen Büroräumen, mit grauem Fußboden finde ich meine Ruhe.

Im Grunde weiß ich ja, dass heute alles normal ist. Sorgen müsste ich mir nur machen, wenn es ein Mal nicht so wäre. Trotzdem mach ich mir manchmal schon Sorgen. Dann blicke ich aus dem Fenster, vom Turm und an den Netzabweisern vorbei, auf den Hauptschirm der Kommandobrücke oder einfach nur zum sternenklaren Himmel und frage mich, was sein wird, wenn all das irgendwann aufhört...

Geschrieben 2003 von Christian Lafin