Leben um jeden Preis

Ich klopfe an die Tür - zwei Mal - insgesamt etwa zwanzig Mal, während meiner Schicht.
Keine Antwort.
Ich trete ins Zimmer, drücke den Schalter für das Licht und sehe eine gespenstische Gestalt: Den kleinen Kopf in den Nacken gelegt, den Mund weit aufgerissen und durch die fehlenden Zähne tief eingefallen, so dass es wie ein stummes Schreien aussieht. Die an dünnen Armen befindlichen Hände liegen auf der Decke, die Finger sind zu kleinen Fäusten geballt. Würde man die Decke wegziehen, würde man einen abgemagerten Körper sehen, unter dessen Haut sich sichtbar die Knochen abzeichnen.
Ich werfe einen Blick auf den Brustkorb, kann jedoch keine Atmung erkennen.
Hoffentlich nicht!
"Frau M?", frage ich in Zimmerlautstärke.
"Hm... Was denn?", antwortet eine helle, leise Stimme.
Zwei Augen öffnen sich, davon eines durch Eiter leicht verklebt.
"Na, alles klar?", frage ich, nähere mich der Gestalt und beuge mich über das Bett, die Arme auf das Seitengitter gestützt.
"Wie geht es Ihnen?", frage ich und streiche leicht über ihre Wange.
"Och, nicht so", antwortet das kleine Stimmchen, dabei kneift sie ihre Augen zusammen und beginnt mit dem einen Daumen kreisende Bewegungen auf der Decke zu vollführen. Ganz kleine, denn bewegen tut ihr weh.
"Sie sehen auch gar nicht so gut aus", floskele ich und blicke in ihre Augen, die meinen Blick nur kurz streifen und dann wieder an die Decke starren.
Ich bekomme keine Antwort, wende mich ab und kontrolliere den Hefter, der auf einem kleinen Nachttisch neben dem Bett liegt.
'1400 Saft 250', lese ich und gucke auf die Uhr: Es ist bereits 16Uhr.
Es ist wieder Zeit.

"Frau M?"
"Ja?"
"Es gibt etwas zu trinken, ja?"
"Ach, ich kann doch nicht."
"Muss aber sein."
Keine Antwort von ihr.
Ich greife nach dem Schnabelbecher und drücke ihn sanft durch ihre Lippen in ihren Mund. Sie nimmt den ersten Schluck, ich nehme den Becher wieder zurück und sehe zu, wie sie die Augen beim Schlucken zusammen kneift.
So geht es weiter, bis der Becher leer ist, zwischendurch fällt höchstens der Dialog "Ich kann doch nicht" / "Ich weiß".

Seit mehreren Monaten sorge ich mich nun um sie und andere und wenn ich Zeit hab, tut es mir immer noch Leid. Leider ist selten soviel Zeit vorhanden. Nicht immer ist es so leicht, wie jetzt, manchmal kneift sie den Mund so zusammen, dass man schon etwas mehr drücken muss. Oder sie spuckt einem alles wieder entgegen und man hat Glück, dass man nur ihr Nachthemd wechseln muss. Aber trinken muss sie ja, sonst versagen die Nieren (und alles andere), sie stirbt (schlimmsten falls) und ich komme ins Gefängnis, denn bei mir ist das fast so was wie Befehlsverweigerung, schließlich leiste ich nur meinen gesetzlich vorgeschriebenen Zwangsdienst ab.

Ich trage gerade '1600 Saft 250' in den Hefter ein, als ich etwas höre, was ich von ihr noch nie gehört habe: "Es ist grausam."
"Was ist grausam?"
"Na...", sie stoppt kurz und sucht nach den richtigen Worten: "Das man hier so abgeschoben wird".
So was hat auch noch kein anderer von ihr gehört, schließlich ist sie durch die transdermale Aufnahme von Schmerzmitteln und das hohe Alter nicht mehr ganz klar. Aber so was!
Recht hat sie, hab ja auch noch keine Angehörigen gesehen, wie bei den Meisten, in ihrer Situation. Können den Anblick wohl nicht ertragen und denken sich, dass es besser ist, wenn sie diesen vermeiden.

Ich hab ihrer Aussage nichts hinzuzufügen, muss auch schon zum Nächsten, also werfe ich ihr einen hilflosen Blick zu und verschwinde.

Als ich eine halbe Stunde später wieder rein schaue, um sie auf eine andere Haltung zu verlagern, ist sie weinerlich: "Helfen Sie mir doch!".
Sie weint und schluchzt, jedoch ohne Tränen.
"Aber ich helfe Ihnen doch", antworte ich mit ruhiger Stimme, während ich sie verlagere.
"Ich kann doch nicht mehr."
"Ich weiß."
"Helfen Sie mir doch!", fleht sie immer wieder, unterbrochen von "Ich kann doch nicht mehr" und Weinen.

Aber wobei ich ihr helfen soll, verrät sie mir nicht, ich kann es nur erahnen, aber für so was würde ich noch viel länger ins Gefängnis kommen, außerdem steht mir nicht das Recht zu, so etwas zu entscheiden. Ich bin nur da, um ihr Leben um jeden Preis zu verlängern, mit Füttern, Lagern und Säubern. Die Ärzte machen den Rest.
Würde sich ihr Herz verweigern, bekäme sie einen Schrittmacher.
Würde sie das Essen verweigern, bekäme sie eine Magensonde.
Würden sich die Nieren verweigern, bekäme sie Dialyse.
Ohne gefragt zu werden, wird sie solange am Leben gehalten, bis alles versagt. Und das wird noch Jahre dauern.

Es werden andere kommen, die sie bittet, ihr zu helfen.
Sie werden ihr nicht helfen können.
Es werden andere kommen, denen sie sagen wird, dass sie nicht mehr kann.
Sie werden nicht darauf eingehen können.
Es wird nur niemand kommen, den sie von früher her kannte.
Und wir werden das nicht ändern können.

Sie ist nicht die Einzige. Wie vielen wird es genauso ergehen, bis wir ihnen helfen können - auf welche Art auch immer?

"Wir sind erstmal fertig", erkläre ich ihr, als ich das letzte Kissen zu Recht rücke.
"Schönen Dank!", erwidert die helle Stimme, kneift die Augen zusammen und zeigt den Hauch von einem Lächeln.
"Keine Ursache", antworte ich.

Geschrieben 2004 von Christian Lafin