Letzte Worte

Es ist dunkel, es ist kalt und es regnet. Mir macht der Regen jedoch nichts aus, denn ich bin wütend. Wütend auf dich, weil du nicht bescheid gegeben hast. Und wütend auf mich, weil ich schon wieder geglaubt hatte, dass zwischen uns doch etwas ist, was man im Entferntesten als Freundschaft bezeichnen konnte.
Während "The Kinks" mit "You Really Got me" auf meine Ohren einhämmern, laufe ich einen dunklen, schlecht bepflasterten Weg entlang. Entlang an Einmündungen, an dunklen Bäumen, die im Wind ein unsichtbares Schattenspiel vollführen, vorbei an dunklen, leeren Häusern mit ihren aschfahlen Gärten. Wurzeln und Dünen aus Plastersteinen versuchen mich zu Fall zu bringen.

'Aber du meldest dich doch, ja?', höre ich mich selbst.
'Ja ja, sicher', höre ich dich.
Du hast dich nicht gemeldet - war ja klar - denn du brauchtest nichts von mir. War ja nicht das erste Mal. Es ist immer derselbe Trott: monatelang lässt du nichts von dir hören, und dann ganz plötzlich stehst du wieder auf der Matte. Weil du etwas brauchst. Und ich bin immer wieder so naiv, dass ich denke, du bist da, weil es dir um mich geht. Weil du die Miesere erkennst, in der ich stecke und versinke. Weil wir uns seit dem 5. Lebensjahr kennen, also 75% von der Zeit, die wir auf dieser Welt leben. Aber dem ist nicht so, denn du interessierst dich immer nur für dich.
Um nicht wieder in den Trott der ewigen Vorwürfe zu verfallen, drehe ich die Musik lauter.
Zu allem Überfluss läuft jetzt auch noch "Klavier" von "Rammstein". Ich balle meine Hände zu Fäusten und weise den Player an, zum nächsten Lied zu wechseln. Dieselbe Gruppe, anderes Lied "Wut will nicht sterben".

Diese Art der Ablenkung schürt die Gedanken eher noch, anstatt sie zu verdrängen und einen klaren Kopf zu bekommen.
Ich sehe Bilder, grausame Bilder, in denen ich vor dir stehe mit Hut, Mantel, 1911er Colt und sage: 'Erinnerst du dich an mich?' Dann dauert es noch 4 Sekunden und das Magazin hat sich in deinen Körper entladen.
Ein genüssliches Gefühl durchflutet mich für kurze Zeit. Aber was würde das denn ändern? Gar nichts. Außerdem wäre ich damit nicht besser, als du. Und gerade das möchte ich: Besser sein als die Menschen, die ich so verachte.

Endlich ist es geschafft, ich stehe vor deiner Haustür und klingele. Du steckst den Kopf aus der Tür; siehst verschlafen aus.
"Alain, du störst!", wirfst du mir an den Kopf.
'Ich störe? Du meldest dich nicht, ich mache mir Sorgen und störe?', fährt es mir durch den Kopf. Und dann kann ich es nicht mehr kontrollieren, es platz einfach aus mir heraus: "Du blöder Schwachkopf! Allein deine Nachgeburt hatte das Hirn, das du haben solltest! Ich bereue jede Sekunde, die ich mit dir verschwendet hab! Gegen die Wand zu starren wäre sinnvoller gewesen!"
Ich trete noch einmal kräftig gegen die Tür, so dass sie dir gegen die Nase schlägt und diese sofort ein rotes, rinnendes Ergebnis zeigt.
Wütend drehe ich mich um und laufe den Weg weiter, den ich gekommen bin. Ich laufe nicht zurück, denn wenn ich weiter gehe komme ich eh wieder zum Ausgangspunkt.
Hoffentlich hast du in deiner unendlichen Dummheit verstanden, was ich meine.

Als ich den Bahnhof erreiche und in die stummen, ausdruckslosen Gesichter der Menschen blicke, beginne ich zu bereuen. Beleidigen wollte ich dich nie, ich wollte es nur abschließen, es beenden. Für immer.
Aber im Guten. Irgendwie.
Ich drehe die Musik wieder lauter und fahre heim.

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, ist der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt: 'Was hast du da wieder für Blödsinn verzapft?'
Liegt es denn nicht an mir, dass wir uns so selten sahen? Hätte ich keinen Schritt auf dich zu gehen können? Oder dir zumindest erklären können, was falsch gelaufen ist?

Ich versuche noch, dich anzurufen. In den nächsten Stunden, Tagen, Wochen.
Erfolglos.

Später erfuhr ich, dass du am nächsten Tag - beim Skateboarden - von einem Auto angefahren wurdest. Ich erfuhr auch, dass du im Krankenhaus noch bei Bewusstsein warst, aber als sie gefragt haben, wen sie anrufen sollen, hast du mich nicht genannt. Und wie du das gemeint haben wirst, werde ich nie erfahren.

Geschrieben 2004 von Christian Lafin