Long live the Queen

Im Sommer 1647 gelang der Armee des freien Brandenburgs der Durchbruch vom Ostteil der seit Monaten belagerte Stadt Seelow hin zum Regierungsbezirk, wo die Streitkräfte von Königin Lene seit 90 Tagen eingekesselt waren.
Die Stadt selbst war fast vollständig zerstört, sie war nur noch ein schwarzer Fleck, umringt von blutgetränkten Sümpfen in denen über 200.000 Leichen langsam verwesten.
Unter dem Jubel der überlebenden Soldaten in den ersten ruhigen Minuten seit langem, sahen sich Königin und König wieder.

"Es ist vorbei, die Armee Seelows ist vernichtet", ein abgebrochener Bolzen steckte im Oberkörper des Königs, knapp neben seinem Schlüsselbein, das weiße Seidenhemd unter der dunkelblauen Uniformjacke war mit Blut getränkt.
"Du musst zu einem Arzt, mein Stern", flüsterte die Königin, besorgt über seine Wunden.
"Wir müssen ihnen folgen, sonst kommen sie wieder. Sonst kommen andere. Unser Reich bleibt nicht durch hadern groß", humpelnd näherte er sich ihr, ein weiterer Bolzen steckte in seiner Tibia, eine blutende Schnittwunde klaffte darüber. Sie hingegen war, bis auf ein paar blaue Flecke, gänzlich unverletzt.
"Nein, stopp den Krieg! Du wirst sterben und ich will nicht, dass du stirbst. Kehre mit mir zurück nach Buckow, lass uns gemeinsam unsere Tochter groß ziehen, in Frieden."
"Frieden? Zwei Drittel meiner Männer sind tot, ohne dass wir haben, was wir wollen", die Königin legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund, so dass er verstummen musste.
"Nein, wir haben bereits alles, was wir wollen. Es wird keine weiteren Kriege mehr geben! Ich ertrage nicht, dass du stirbst. Scheiß auf Land und Ruhm, unsere Liebe ist alles, was wir brauchen", flüsterte sie.
Der König nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Es war ihr letzter Kuss. Ihr allerletzter.
Eine dolchgroße Klinge blitzte auf, drang in Fleisch, die Königin keuchte, ihre Augen weit aufgerissen, flehend und fragend in seine Augen blickend.
"Ich hielt dich für eine andere; für eine Eroberin, aber du bist nur wie alle anderen Frauen; schwach und gewöhnlich. Glaubst du wirklich ich würde meine Macht, mein Reich mit dir teilen? Nur auf dem Thron sitzend, fett und alt werdend und dann vergessen werden?", ihren Kopf immer noch in seiner linken Hand haltend, sah er ihr direkt in die Augen, aus der das Leben und ihre Liebe wichen. Seine Pupillen, die bisher immer geweitet waren, wenn er sie angesehen hatte, waren nun ganz klein und das Blaue starrte sie nur kalt und hasserfüllt an. Tränen sickerten aus ihren Augen, liefen die Wangen hinab und verließen sie an ihrem Kinn.
Er drehte den Dolch herum und zog ihn ruckartig aus der Wunde. Das Blut sprudelte aus ihrem Bauch, sie fiel wie ein nasser Sack auf den Boden. Benommen und in Panik drückte die Königin mit den Händen auf die Wunde und versuchte gleichzeitig nach hinten wegzukriechen – vergeblich.
Als ihre Kräfte sie verließen, fiel sie auf den Rücken. Nach Luft schnappend blickte sie zur Decke, noch immer unfähig, die Situation zu begreifen. Während sie ihre letzten Atemzüge machte, beugte er sich wieder über sie und strich ihr sanft über die Wange.
"Wir gegen den Rest der Welt, haben wir gesagt. Warum musstest du dich auf die Seite der Welt
stellen? Ich war mein ganzes Leben auf der Suche nach dir. Und jetzt hast du mich hierzu
gezwungen!", seine Stimme klang schwach und weinerlich, fast so, als würde er mit ihr ersticken.
"Ein Teil von mir wird dich nie vergessen", glaubte sie von ihm zu hören, bevor es dunkel um sie wurde.

"Hauptmann Merten!", rief der König und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den Leichnam der Königin hinab während der Hauptmann ins Zimmer gelaufen kam, "Bereitet den Abmarsch meines Heeres vor! Die Königin ist tot, ich bringe sie nach Hause und begrabe sie in ihrer Stadt. Danach greifen wir an, was auch immer hinter dieser verdammten Stadt liegt!"
"Jawohl, mein König", der vom Anblick der Königin bleich gewordene Hauptmann eilte aus dem Raum.

"Papi?", die Stimme der kleinen Natalie, die der Königin sehr ähnlich klang, durch schnitt die Stille. Für einen Augenblick glaubte er, die Königin wäre gerade wieder auferstanden.
"Was ist passiert?", ihre kleinen Augen fielen auf ihre blutüberströmte Mutter, die mit geschlossenen Augen auf dem Boden hinter dem Vater lag. Er selbst sah sie grimmig an, den Degen in seiner rechten Hand, den Hut auf dem Kopf.
Sie verstand das alles nicht und es machte ihr schreckliche Angst.
"Etwas Bösartiges hat deine Mutter verändert, hat sie gegen mich aufgebracht. Sie wollte keine Eroberin und keine Königin mehr sein", die Stimme des Königs war belegt, als er ihr antwortete.
Ihre kleinen Augen sahen ihn direkt an, fragend und irgendwie auch flehend, wie es seine Königin gerade eben noch getan hatte.
Der König umklammerte seinen Degen fester. Wenn sie alt genug war, um das zu verstehen, würde sie ihn dafür töten. Wenn nur ein wenig von ihrer Mutter oder von ihm in ihr steckte, würde sie ihn töten. Wenn er selbst leben und sein Werk vollenden wollte, musste er sie jetzt auch umbringen. Sonst wäre der Tod seiner Frau völlig umsonst gewesen.
Nur ein einziger, schneller Schnitt mit dem Degen. Ihre Schmerzen würden nur Sekunden dauern.
Er sah sie an und spannte die Muskeln in seinem Arm. Ihre Augen waren eine Mischung ihrer beiden Augen und sie erinnerten ihn so sehr an seine Frau, an das, was er einst in ihr gesehen hatte, als sie sich kennen gelernt hatten. An die eine, die Einzigartige unter Millionen. Die Einzigartige, für die er sein Königreich und seine ganze Armee in einen Krieg geführt hatte, der seine Vernichtung gewesen wäre, wenn er ihn verloren hätte. Die Einzigartige, die gerade eben verloren hatte.
Aber er konnte es nicht tun. Er konnte sie nicht zweimal umbringen. Es hatte schon unendlich viel Kraft gekostet, es einmal zu tun.
"Bin ich jetzt die Königin?", fragte die Kleine.
"Nein", er steckte seinen Degen in den Halfter, "Aber du kannst eine Eroberin sein". Er streckte ihr die Arme hin, sie griff zu und er nahm sie hoch.

"Sie haben uns alles genommen, und das bedeutet, dass wir nichts mehr zu verlieren haben. Nichts auf der Welt kann uns jetzt mehr Angst machen", erklärte er seiner Tochter, während er die Leiche seiner Königin im Schein der brennenden Stadt am Schermützelsee vergrub, "Morgen bringen wir sie alle um."

Gleich am nächsten Tag marschierten zehntausend Soldaten durch die brennenden Trümmer, hinter sich zurück ließen sie ihre Hoffnung auf ein Kriegsende und die Bewunderung für ihren König.
Von der Angst getrieben, begannen sie ihre verdammte Reise in eine Lebenszeit voll Krieg, verzweifelt versuchend, das Loch im Inneren des Königs zu schließen, dass er sich selbst gerissen hatte und das unendlich war.

Geschrieben 2017 von Christian Lafin