Nicht lang' her

Die Sonne taucht den blauen Abendhimmel, um mich herum, in ein warmes orange. Die Wolken bilden mit ihrem dunkellila einen tiefen Kontrast dazu.
Der Ozean unter mir, erweitert die Farben des Himmels mit seinem tiefen blau und dem Glitzern seiner Oberfläche.
Aus einer der Wolkenformationen nahe der Sonne stößt plötzlich eine Möwe zu dem wunderbaren Bild.
Eine Möwe?
Mitten im Atlantik?
"Alarm!", brülle ich aus vollem Halse und stürze zum Turmluk. "Alarm!", schreie ich auch hinein und rutsche dann die erste Leiter hinunter.
"Alarm! Fluten! E-Maschinen Achtung! Alle Mann voraus!", tönt die Stimme vom leitenden Ingenieur (LI) Anton Pauckstadt. Die Diesel heulen auf. Die Luft der Ballasttanks beginnt laut durch die Ventile zu zischen.

Nachdem ich die zweite Leiter nach unten gerutscht bin, lande ich auf den eisernen Flurplatten der Zentrale. Mit geübter Präzision mache ich gerade drei Schritte und bin schon am hinteren Tiefenruder, für das ich während meiner Schicht (bei Tauchfahrt) zuständig bin.
Hinter mir laufen einige Mann der Maschinenwache und noch andere, aus dem Hecktorpedoraum, vorbei, auf ihrem Weg zum Bugtorpedoraum, damit das Boot vorlastiger wird und wir schneller unter Wasser kommen.
"Hinten unten 15!", befielt der LI.
Ich werfe einen kurzen Blick auf den kleinen Tiefenmesser (der für Tiefen bis zu 25 Meter zuständig ist): 7 Meter über Unterkante Kiel. Das bedeutet, dass das Oberdeck von einzelnen Wellen überspült wird - wir sind also bisher etwa einen Meter gesunken.
Wenn die Möwe, die ja in Wirklichkeit eine englische 'Hurricane', ein 'Catalina' oder eine 'Spitfire' ist, jetzt mit ihren Bordkanonen auf uns schießt, ist es Sense. Der Druckkörper ist 18 Millimeter dick und sogar wenn ein MG da nur eine Beule reindrücken würde, hat unser Boot ein ernstes Problem, denn jede winzige Beschädigung des Druckkörpers macht ihn instabil. Schon bei einem Stecknadelgroßen Loch (oder einer Beule) bricht er schon in geringer Tiefe. Wir sollten also schon vollständig unter Wasser (12 Meter Tiefe) sein, wenn die in Schussweite sind.
Sicher sind wir dann aber noch nicht, denn so ein Flugzeug hat nicht nur Bordwaffen, sondern auch Bomben. Vor denen sind wir ab 30-40 Meter Tiefe recht geschützt.
Die Nadel bewegt sich auf 9 Meter zu.
Seit meinem Alarmschrei sind etwa 25 Sekunden vergangen.

Der Kommandant steckt seinen Kopf durch das vordere Kugelschott, steigt durch und räuspert sich.
"Wasn hier los?", fragt er.
"Flugzeug, direkt aus der Sonne, Herr Kaleun", antworte ich und sehe ihn kurz an.
Der Kommandant heißt Wolfgang Leimrührer, ist 25 Jahre alt, kommt aus Flensburg und kommandiert hier und heute seine 8. Feindfahrt. Mit seinen 25 Jahren liegt er 7 Jahre über dem Altersdurchschnitt an Bord. Außerdem ist er - so wie es sein sollte - der älteste, der Alte.

Der Zeiger des Tiefenruders zeigt 15 Meter und wandert weiter.
"Schnell auf Tiefe, LI!", flüstert er. Natürlich ist das Flüstern unnötig, das Flugzeug wird uns kaum hören, aber mit der Zeit wird das einfach zur Gewohnheit. Neben dem ASDIC, ist das passive Sonar die einzige Möglichkeit, ein Schiff unter Wasser aufzuspüren. Und gegen das passive Sonar hilft nur: Absolute Ruhe!
Nur das laute Summen der E-Maschinen ist zu hören. Ansonsten ist es still. So, wie es sein soll.
"Wasserbomben!", höre ich plötzlich den bayrischen Akzent von Klaus Krüger, dem Horcher und Funker an Bord. Er ist nicht der einzige Horcher und Funker, aber er hat offensichtlich wohl gerade Dienst.
In Gedanken zähle ich die Sekunden.
Als ich bis zur Acht gezählt habe, knallt es laut. Der Explosionskrach ist überall, er trifft einen nicht nur in den Ohren, sondern auch im Bauch. Es ist wie ein Schlag, als wenn man direkt in den Magen geboxt wird.
In der Zentrale hört man einige Glühlampen zersplittern und das ganze Boot bebt und schüttelt sich.
"Ruder hart Backbord auf Kurs 350 gehen!", ruft der Kommandant.
"Wassereinbruch Rohr 5!", höre ich ein gedämpftes Rufen von rechts, also aus dem Heck des Bootes.
"Steuerbord E-Maschine macht keine Fahrt mehr, Herr Kaleun! Bitte Station zur Schadenskontrolle verlassen zu dürfen", flüstert der Pauckstadt zum Kommandanten.
"Hm", nickt Leimrührer und winkt den Kant herbei. Er heißt Hans mit Vornamen, ist 24 Jahre alt, Fähnrich zur See und erster Wachoffizier (1WO). Er ist ebenfalls seit 8 Feindfahrten dabei und bekommt demnächst wahrscheinlich sein eigenes Boot, samt Beförderung.

Mein Blick wandert zum großen Tiefenmesser, der rechts von mir angebracht ist. Inzwischen sind wir auf 50 Meter Tiefe gesunken.
"Bei 60 Meter einpendeln!"
"Vorne unten 25!", raunt uns der 1WO zu.
"Wassereinbruch E-Maschinenbilge!", hört man einen gedämpften Schrei.
"Das hat gesessen!", murmelt der Kommandant und tippt mir auf die Schulter, "Und der kam aus der Sonne direkt auf uns zu?"
"Jawohl, Herr Kaleun. Ich hab den vorher nicht gesehen, wirklich nicht. Wie aus dem Nichts war er da!", antworte ich schnell.
"Die Tommies mit ihrer Zentimeterwelle, die haben uns schon in der Ortung, wenn wir sie noch gar nicht gesehen haben", erzählt mir Kleinschmidt, der rechts neben mir sitzt.
"Schon klar", sage ich. Dabei hab ich keine Ahnung, was der mit Zentimeterwelle meint.
"Jetzt hört ma auf zu quasseln, Jungs!", unterbricht uns der 1WO, "Beide Mitte!"

Im nächsten Moment tappst ein durchnässter LI in die Zentrale.
"Schwerer Wassereinbruch achtern, Wasser steigt schnell! Die Steuerbordschraube hat sich fest gefressen, keine Ahnung, ob wir die noch mal flott bekommen. Außerdem sind achtern ein paar Zellen gerissen", meint er zum Kommandanten und sieht zu Boden.
"Kriegt ihrs hin?"
"Schwer zu sagen, Herr Kaleun... Frage Chlorgas..."
Der Kommandant nickt nur und der LI macht sich auf den Weg zum Bug.

"Große Fahrt voraus, auftauchen!", entscheidet er sich.
"Vorne unten 25, hinten oben 10! 2000 Liter Lenzen!", flüstert Kant.
Zum Summen der Maschine mischt sich jetzt noch das Surren der Lenzpumpe. Für das passive Sonar eines Zerstörers wäre der Krach, den wir jetzt produzieren, ein gefundenes Fressen. Selbst die Pumpe darf bei Schleichfahrt nicht laufen. Höchstens dann, wenn wir ohnehin Krach machen dürfen. Also wenn der Zerstörer anläuft und wir ausweichen müssen oder die Wasserbomben hochgehen.
Langsam bewegt sich die Nadel von der 60 in Richtung 50.
Ob die immer noch da oben kreisen? Vielleicht hat der noch eine Bombe und wirft sie uns auf den Turm, wenn wir auftauchen?

Hinter mir läuft der LI wieder in Richtung Heck, in den Händen trägt er zwei Werkzeugkästen aus Holz. Er wird verfolgt von einem Maschinenwart und drei Mechanikern.
Danach folgt für einige Minuten Stille und monotones Abwarten, bis das Boot auf eine Tiefe von 20 Metern aufgestiegen ist.
"Beide Mitte!", befielt der 1WO und tippt mir auf die Schulter, "Klarmachen zur Brückenwache!"

Zuerst klettert der Kommandant auf die Brücke, dann der 1WO, gefolgt von drei weiteren Matrosen und ich ganz zum Schluss.
Die orangene Sonne und der Kontrasthimmel sind immer noch da. Immer noch haargenau so, wie vor dem Alarm.
Sie sehen so aus, als wenn überhaupt nichts passiert wäre. Völlig unschuldig, völlig teilnahmslos
"Rauchsäule auf 180°!", ruft plötzlich einer und zeigt mit dem Finger nach achtern.
Blitzschnell richten alle übrigen ihren Blick darauf.
"Verflucht noch mal!", murmelt der Kommandant, "Das sind drei Rauchsäulen... die halten direkt auf uns zu!"
Er nimmt sein Fernglas runter und ruft in das Turmluk: "Beide Diesel äußerste Kraft voraus!"
Die Sekunden verstreichen. Es tut sich nichts.
Während die anderen noch wie gebannt auf die sich nähernden Rauchsäulen starren, begutachte ich das Oberdeck achtern: Fast alle hölzernen Planken sind durch die Unterwasserexplosion abgerissen. Und es ist ja nicht so, dass diese nicht fest an ihrem Platz angebracht sind. Schließlich müssten die dem schwersten Sturm trotzen. Trotzdem ist es nur ein Streifschuss gewesen, ein paar Meter höher und wir hätten die Sonne nie wieder gesehen.

Ein Ruck geht durch das Boot, gefolgt von einem Gepolter, dass immer gleichmäßiger und höher wird. Am Heck verwirbelt sich das Wasser und wir nehmen langsam Fahrt auf.
"Wassereinbrüche gestoppt, Steuerborddiesel wegen Wellenschaden unklar!", tönt es aus dem Turmluk.
"Können Sie schon erkennen, zu was die Säulen gehören?", fragt der Leimrührer.
"Kaum Herr Kaleun", antwortet der 1WO, "Schmale, verschwommene Silhouette. Bestimmt Zerstörer!"
"Dann hat uns der Flieger mal eben fein gemeldet. Entkommen können wir denen über Wasser sowieso nicht. Also abtauchen und verstecken. Alle Mann einsteigen und auf Tauchstationen!", befielt der Kommandant.

Mit einem dicken Kloß im Hals klettere ich die eiserne Leiter ins Boot zurück.
Ist kein tolles Gefühl, plötzlich auf der Abschussliste zu stehen. Davon haben sie uns auf der Marineschule nichts gesagt. Wie hieß es dort doch gleich? Die U-Boote sind die Wolfsrudel der Meere. Danach sieht's mir aber nicht aus.

"Auf 180 Meter gehen! Schleichfahrt!", befiehlt der Kommandant, nachdem alle wieder in der Zentrale sind, "Neuer Kurs: 090!"
Fast ganz still wird es, nur das leise Summen des einzig verbleibenden E-Motors ist noch zu hören, gemischt von leisem Atmen und hin und wieder ein gedämpftes Räuspern oder Hüsteln.
Das Ticken der Uhr in der Zentrale wird immer langgezogener, als wenn Sekunden erst zu Minuten und dann zu Stunden würden.
Währenddessen gleitet das Boot immer weiter in die dunkle, kalte Tiefe.

Ich muss an meine Familie in Lübeck und an meine Freundin - die Anna - denken. Ob ich ihnen jemals von all dem hier erzählen kann? Werde ich ihnen erklären können, wie es sich anfühlt? Das Warten. Das Bangen. Das Hoffen. Während man in einer stählernen Röhre im Ozean hockt, nicht weiß, was über einem passiert und ob man je wieder nach oben kommt?

Es vergehen fast 20 unendlich lange Minuten, bis wir auf 100 Meter Tiefe sind. Hier meldet sich zum ersten Mal der Druckkörper zu Wort. Mit einem rumpelnden Knarren sagt er uns, dass er die Last des Wasserdrucks langsam unbehaglich findet. Obwohl er noch mehr abkann. Die Werft gibt ja Garantie bis 165 Meter.

Bei 120 Metern wird das Knarren höher, lauter und schneller. Es hört sich ein bisschen so an, als wenn extrem große Finger auf der Hülle entlang tippeln.
Für mich wird es immer erstaunlicher, wie 18 Millimeter Stahl einem Druck von nun über 100 Kilogramm pro Quadratzentimeter aushalten können.

Ein helles, einzelnes Ping durchschneidet jäh die andauernde Stille und reißt mich aus meinen Gedanken rund um den Druckkörper. ASDIC, das aktive Sonar, sucht nach uns. Das, was wir als Ping hören, wird von der Außenhülle des Bootes zurück geworfen und zeigt dem suchenden Zerstörer sehr genau wo wir sind und wie tief wir sind.
Ein weiteres Ping ertönt. Und noch eins und noch eins. Immer wieder.
Im Boot bleibt es ruhig.
Langsam läuft der Kommandant zum Kugelschott, kniet sich daneben und wirft einem Blick zum Horcher.
"Und?", fragt er.
"Geräusche ganz schwach aus Richtung 165, Entfernung bleibt gleich... Moment!", antwortet dieser. Seine Fortsetzung lässt auf sich warten, weil er bestimmt das kleine Rädchen des Hydrophons hin und her bewegt, womit er das "horchende Ohr" des Bootes in verschiedene Richtungen dreht.
"Geräusche werden lauter... Entfernung nimmt ab!", flüstert er.
"Wie viele, Klaus?"
"Einer steht auf der Stelle... die anderen beiden laufen auf uns zu!", tönt es vom Krüger.
"Jetzt reißen sie uns den Arsch auf!", flüstert Petersen neben mir.
Ein tosendes Stampfen erscheint im Geräuschmischmasch unserer Maschinen und dem endlosen Pingen. Das Stampfen wird lauter und wandert von rechts (achtern) langsam nach oben, bis es über unsere Köpfe hinweg braust und nach links (bugwärts) läuft.
"Ruder Hart Steuerbord, AK!", flüstert Leimrührer.
"Achtung, Wasserbomben!", hört man den Horcher.
Die E-Maschine summt auf.
Gleich ist es aus. Gleich ist es aus! Das darf doch nicht wahr sein! Ich atme schneller. Wann passiert es endlich? Und wie passiert es? Wird gleich alles vorbei sein? Oder geschieht alles langsam und bei vollem Bewusstsein?
Eine heftige, ohrenbetäubende Explosion reißt mich aus meiner Panik, um mich gleichzeitig in die Apathie zu treiben. Ich klammere mich an mein Tiefenruderrad. Die Detonation klingt so unglaublich nah, als würde die 200-Kilobombe unmittelbar vor mir explodieren.
Der ersten Explosion folgt die nächste, dann wieder die nächste und dann immer so weiter.
Bei jeder Explosion schießt mir 'Bei der nächsten ist es aus!' durch den Kopf. Gleichzeitig möchte man bei dem Krach nur noch schreien und sich die Ohren zuhalten. Aber auch das hilft nicht zu entrinnen. Jede Explosion ist erneut wie der Schlag in den Bauch, der einem die Luft raubt.
Es ist beängstigend und beklemmend zugleich.
Plötzlich bäumt sich das Boot auf, fällt jäh nach unten und schüttelt sich schließlich durch. Das Geräusch von zerbrechendem Glas erklingt und gleichzeitig wird alles dunkel.

Taschenlampen flammen auf und leuchten suchend in der dunklen Zentrale herum.
Die Explosionen und das das Dauer-Ping verstummen.
"Schleichfahrt! Schön ruhig sein, Männer!", flüstert der Kommandant.
Die E-Maschine wird wieder ganz leise. Die Schraube dreht sich nun pro Sekunde gerade ein Mal um sich selbst.
Auch das Stampfen der Zerstörer wird leiser.
"Ruder mittschiffs!", befielt Leimrührer.

"Herr Kaleun!", tönt es plötzlich halb gerufen und halb geflüstert aus Richtung des Horchers, doch seine Stimme ist es nicht, "Schwerer Wassereinbruch durch Torpedorohr 1 und 3, ist nicht zu stoppen!"
Ein kollektives Luftschnappen folgt.
Allen ist klar, was das für uns bedeutet: Wir müssen unbedingt höher, damit die Lenzpumpe das Wasser wieder rausdrücken kann. Andernfalls werden wir immer schwerer, bis wir keinen weiteren Auftrieb mehr erzeugen können. Und dann sinken wir in den sicheren Tod.
Andererseits sinkt die Zeit, die wir zum Ausweichen vor dem Bomben, nutzen können, bei geringerer Tiefe, um etliche, wichtige Sekunden.
So oder so: Wir können nicht mehr länger unter Wasser bleiben. Aufgetaucht haben wir jedoch keine auch Chance, wir müssen Kapitulieren und uns auf die Gnade der Tommies verlassen.
Aber besser, als absaufen.

"Alles ausblasen, Maschine AK, wir tauchen auf!", entschließt sich der Kommandant und fügt mit lauter Stimme an, "Klar bei Tauchretter!"
Mit einem lauten Zischen strömt Luft in die Ballasttanks, während der Zeiger des Tiefenmessers langsam nach links wandert.
160 Meter.
155 Meter.
150 Meter.
"Krüger vernichten Sie die Codebücher, schnell", befiel der Kommandant.
140 Meter.
Heupel, der 2WO, kommt in die Zentrale und verteilt die Tauchretter bei uns. Ich ziehe meinen rasch an und beginne ihn aufzublasen.
130 Meter.
Irgendwie bin ich fast froh, dass die Hölle nun ein Ende hat. Irgendwie.
120 Meter.
Die ersten Maschinenwarte erscheinen in der Zentrale. Das Boot steigt schneller.
110 Meter.
Das wird ein ganz schönes Gerangel werden, wenn 47 Mann auf einmal durch einen einzigen Ausgang raus wollen.
100 Meter.
Gleich geschafft, 100 Meter nur noch! Eine Art Euphorie steigt in mir auf.
90 Meter.
"Wenn wir auftauchen, wird's noch mal heftig, Männer!", warnt der Kommandant, "Die werden uns sicher ordentlich belegen. Dann heißt es nur Ruhe bewahren und weg vom Boot, so schnell ihr könnt!"
80 Meter.
Die Zentrale wird inzwischen ganz schön voll, überall stehen junge Männer, mit abgekämpften, ängstlichen Gesichtern.
70 Meter.
"Die Codebücher sind vernichtet, Herr Kaleun!"
60 Meter.
Ping. Ping. Ping.
Oh nein! Die wollen uns schon wieder bombadieren. Bitte wartet noch! Nur eine Minute! Wir geben doch schon auf! Wir tun nichts mehr, wir sind fertig, kaputt, zerstört!
50 Meter.
Durch das Zischen der Pressluft schneidet sich ein sehr nahes Stampfen, das schnell über uns hinweg zieht.
40 Meter.
Ein dumpfes Rumpeln auf der Hülle, gefolgt von einem Schaben, das nach unten wandert, durchdringt die Zentrale. Gleich darauf folgen heftige Explosionen, die das Boot wie wild durchschütteln. Der Krach ist überall. Die Schläge in den Bauch fühlen sich nun an, wie Tritte. Tritte überallhin. Das Tiefenruderrad schlägt mir gegen die Lippe. Ich höre erstickende Schreie, verzerrte Rufe und ein langgezogenes, metallenes Ächzen, das sich mit einem gleichartigen Kreischen mischt. Ein kurzes Rauschen folgt und dann fühlt sich meine Haut an, als wenn tausende Nadeln gleichzeitig in sie eindringen würden. Mir bleibt die Luft weg, der Rest in meinen Lungen wird rausgedrückt. Um mich herum wird alles schwarz, dunkel und still.

Das Dieselöl und eine Anzahl an Trümmern werden die einzigen Dinge, die von uns je wieder bis zur Wasseroberfläche durchdringen.

Geschrieben 2007 von Christian Lafin