Nix passiert

Vor mir erstreckt sich eine lange, schattige Asphaltstraße, flankiert von großen Ahorn-Bäumen, durch deren Blätter die Sonne schimmert. Die Luft ist 26°C warm, der Wind kommt teilweise von hinten und teilweise vom großen Müggelsee, der zu meiner Linken liegt. Der Wind schiebt an und kühlt gleichzeitig; eine bessere Mischung gibt es kaum.
Ich bin seit einer Stunde unterwegs, gerade richtig warm gefahren und habe gute Laune durch das wunderbare Wetter und das großartige Gefühl, nach 20 Kilometern Fahrt noch genug Kraft in den Beinen für weitere 40 Kilometer zu haben.

Doch plötzlich kommt von rechts ein silbernes Auto näher.
"Ey, pass auf!", schreie ich und ziehe an beiden Bremshebeln.
Ich verringere schnell meine ohnehin nicht sehr hohe Geschwindigkeit.
Das Auto nicht.
Im nächsten Moment knalle ich auf seine Motorhaube, rutsche darüber hinweg und lande unsanft im Gras.
Ich schnappe nach Luft und richte mich auf. Ich sehe wie die Tür des Autos auf geht.
"Geht es Ihnen gut?", höre ich eine Frauenstimme aus einer anderen Richtung.
Ich kann irgendwie nicht antworten, zu sehr frage ich mich, was gerade passiert ist.
Aber zumindest fühle ich keine Schmerzen.
"Ich glaube, ich bin okay", antworte ich dann doch.
"Hier, ich habe alles gesehen", sagt eine andere Frau und drückt mir einen Zettel in die Hand auf dem ein Name, eine Telefonnummer und das Wort Zeugin stehen.
Mir geht das alles zu schnell, kann mir nicht einfach jemand sagen, was passiert ist?
"Zum Glück ist nicht viel", höre ich die Stimme des Autofahrers, der sich mit einem Passanten unterhält.
"Spinnen Sie? Da sind überall Kratzer und Beulen!", sagt der Passant.
"Wirklich?", entgegnet der Autofahrer und macht eine kurze Pause, "Ich hab den Radfahrer gar nicht gesehen. Hab nur nach rechts geguckt."
Er ist uralt und macht den Eindruck, als wenn er noch weniger von all dem hier mitbekommt, als ich. Mit dem Unterschied, dass er nicht gerade eine Motorhaube im Gesicht hatte.
"Muss ich jetzt die Polizei rufen?", frage ich die vielen Leute, die um mich herum stehen.
Alle antworten gleichzeitig.
Ich schnappe nur auf: "Wenn Sie verletzt sind ja, ansonsten nicht" und "Keine Ahnung".
Nun ich fühle mich nicht verletzt und auch keine Schmerzen. Als wäre ich auf einem großen Kissen gelandet. Glück gehabt!

Die Zeit und auch die Situation scheinen an mir vorbei zu rennen, denn nach und nach verlassen immer mehr Passanten den Unfallort. Eine junge Frau mit braunen Haaren, die fast ihr gesamtes Gesicht verdecken, bleibt noch da und hilft beim Adressenaustausch mit Zettel und Stift.
Nach etwa Zehn Minuten ist der Autofahrer dann ebenfalls weg, verspricht mir, mich abends noch anzurufen. Ich soll ihm nur die Rechnung schicken, er zahlt den Schaden.

Scheinbar hatte ich wirklich ungeheures Glück.
Die junge Frau steht noch neben mir, lächelt mich besorgt an.
"Wirklich alles in Ordnung?", fragt sie noch einmal.
"Ja...", antworte ich, "Ich weiß nur nicht, wie ich jetzt nach Hause kommen soll".
Das Fahrrad ist hinüber.
"Da hinten ist eine Straßenbahnhaltestelle", sagt sie und deutet die Allee entlang, "Ich kann sie dir zeigen".
Sie streicht ihre Haare aus dem Gesicht und lächelt mich an. Sie ist niedlich. Und erschreckend hübsch. Zartes Gesicht, braune Haare, braungebrannte Haut und braune, leuchtende Augen.
"Äh...", irgendwie fehlen mir die Worte.
"Komm!", sagt sie und nimmt meine Hand, "Sag' mir erstmal, wie du heißt!"
Ich griene noch breiter.
Vielleicht ist mein Glückstag noch nicht zu Ende?

"Grinst der?", ein Mann mit roter Hose und weißen Hemd steht auf.
"Was? Keine Ahnung", antwortet ein anderer Mann und murmelt leise: "Tote grinsen nicht".
'Notarzt', steht auf seiner Jacke.

© 2012 bei Christian Lafin