Ohne mich - eine ölige Satire

Ein Montag wie fast jeder andere: Kurz, bevor man zur Arbeit fährt, hält man kurz an der Tankstelle, um den Wagen für den alltäglichen Weg mit einem wichtigen Rohstoff zu versorgen. Ein Rohstoff so existenziell und begehrenswert, dass er Kriege auslöst und ganze Wirtschaftszweige beschäftigen kann: Öl.
Ich brauchte zwar kein Öl, sondern nur ein Destillat davon (Benzin), doch nachdem ich an einer Zapfsäule hielt, sah ich schon den Ersten, der mit verheultem Gesicht aus dem Haus mit der Kasse kommen. Verwundert stieg ich aus und fragte ihn: "Was ist denn passiert?".
Stumm, aber mit unglaublicher Trauer in den Augen und dem Gewicht des Hasses der ganzen Menschheit auf den Schultern zeigte er auf die Preissäule.
'1,20', schoss es mir in den Kopf und blendete meine Augen mit einem kurzen, aber stechenden Schmerz.

"Noain", hörte ich jemanden laut schreien, sah jedoch keinen. Erst, als ich mich in der Scheibe des Kassenhäuschens spiegelte, sah ich, dass ich selbst schrie.
Tränen liefern mir über die Wangen, als ein Wagen neben mir hielt und ein verdutzter Handwerker ausstieg: "Watt issen, Männekien?"
Stumm zeigte ich auf die Preissäule und legte soviel Trauer in meinen Blick, wie ich nur konnte.
Nur eine knappe Sekunde später hörte ich ein "Noain" und sah, wie der Handwerker unweit von mir auf die Knie sank.

In diesem Moment hielt ein Golf-5 neben dem Handwerker, ein Achtzehnjähriger mit geligen Haaren, Sonnenbrille und T-Shirt auf dem 'abbi 2005' in gelben Buchstaben stand, stieg aus und fragte: "Was geht ab?". Stumm, aber mit einem unglaublich traurigen Blick, deutete der Handwerker auf die Preissäule.
"Na und? Den Sprit zahlen doch meine Eltern", grinste der Jüngling blöde, stieg wieder in seinen Golf und fuhr an uns vorbei.
Während er tankte, ließ er den Motor laufen und grinste uns die ganze Zeit dämlich an.
Ich saß noch einige Minuten weinend auf dem Boden und sah danach zu, wie der Handwerker den Achtzehnjährigen mit einer großen Wasserwaage verprügelte und dann seinen Azubi mit einem Schlauch und einem Pfefferminz 'tanken' schickte.

Nachdem der T2 samt Handwerker und Azubi dann mit quietschenden Reifen verschwunden war, kam mir die rettende Idee: Ich musste mir nur irgendetwas einfallen lassen. Von McGyver aus dem Fernsehen wusste ich, dass man weniger Benzin verbrauchte, wenn man in einem höheren Gang fuhr. Damit ließ sich der Verbrauch von 12 Litern in der Stadt sicher schnell auf 2 Liter senken.
Mit wieder gewonnenem Mut lief ich über den wimmernden Abiturienten und hüpfte in meinen Wagen. Ich trat freudig die Kupplung, schaltete in den selten benutzten 5. und startete dann den Wagen.
Als 20 Minuten später die Batterieleistung sank, versuchte ich mit dem 3. anzufahren, was nach dem dritten Versuch auch gelang. Sobald ich rollte, schaltete ich in den 5. und gab dann vorsichtig Gas.
Es klappte! Ich hatte die verdammte Ölindustrie und den Staat überlisten können!
Etwas später musste ich aber dann doch das Radio lauter drehen, um den gequälten Motor nicht mehr zu hören. Nachdem der Bordcomputer nach 50km Stadtfahrt dann auch noch meldete, dass der Anlasser beschädigt war, winkte ich nur ab und imitierte ich jemanden, aus einem alten, aber sehr erfolgreichen, deutschen Kinofilm: "Das muss das Boot abkönnen!". Zusätzlich überklebte ich die Anzeige mit kleinen, gelben Haftzetteln. Für alles gab es eine Lösung!

Zufrieden parkte ich den Wagen auf einem Firmenparkplatz und konnte genüsslich arbeiten.
In der Mittagspause erzählte ich Kollegen von meiner Benzinlösung.
"Du hast was?", fragte Uwe mit bestürztem Gesichtsausdruck, der sich wie eine Maske über seine Tränen legte.
"Ich bin im 5. Gang hier her gefahren. Spart unglaublich viel Sprit. Man muss vielleicht ein bisschen viel Starten, aber den Bordcomputer hab ich auch überlistet", erklärte ich überzeugt nickend.
Anscheinend hatte niemand der Kollegen mit meiner Intelligenz gerechnet.
"Und was sagt dein Motor dazu?", fragte Bernd.
"Das muss der abkönnen", erklärte ich grinsend.
"Hey, was wäre, wenn wir einfach streiken und die Straßen blockieren in einer unglaublich großen Demonstration, die die Regierung zwingt, die Benzinsteuern zu senken? Wir sind das Volk wir haben Macht!", schlug ein Azubi vor, dessen Name ich mir noch nie merken konnte.
"Ihr jungen, verrückten Leute mit euren wilden, irrealen Ideen. Wir sind in Deutschland, hier demonstriert niemand", erklärte Bernd mit einem spöttischen Unterton sondergleichen.
"Und wie wäre es, wenn wir verhasste Randgruppen mit Hut und Brille für alles aufkommen lassen?", gab der Azubi nicht auf. Etwas Hoffnungsvolles lag in seiner Stimme und blinder Glaube blitzte in seinen Augen.
"Hol mir nen Kaffee, Schüler", riss ihn Uwe aus seiner Rebellion und drückte ihm sogleich seine Tasse in die Hand.
Ich jedoch setzte ein süffisantes Grinsen auf, schließlich hatte ich einen wasserdichten Plan. Ich hatte sie überlistet. Sie alle. Niemand konnte mich mehr aufhalten.
Die Katastrophe kam erst am Feierabend, als ich versuchte, den Wagen zu starten. Es passierte nichts.
Ich stocherte noch eine halbe Stunde im Motorraum, vertauschte Kabel und piekte mit einem Kugelschreiber Luftlöcher in verschiedene Gummischläuche, bis ich resigniert aufgab.
Das war bestimmt dieser verdammte Bordcomputer, der sich rächen wollte. Aber für alles gab es eine Lösung. Ich beschloss am nächsten Tag Windows auf diesem Computer neu zu installieren. Per Laptop und seriellem Kabel sollte das schnell und einfach gehen.
Da blieb nur noch die Frage, wie ich denn nach Hause kam.
Taxi? Zu teuer...
Bus? Zu langsam, zu viele Gören, zu viele Kaugummis auf den Sitzen...
S-Bahn? Genau richtig!

Mit einem süffisanten Lächeln nahm ich meinen Aktenkoffer und lief zum Bahnhof. Dort angekommen, löste ich eine Einzelfahrkarte für 4€ und wartete auf die nächste Bahn, die sich Zeit ließ.
Nach und nach füllte sich der Bahnhof und nach einer Stunde fragte ich die Bahnhofsfrau, was denn los sei.
"Ick wees ditt doch och nich, junge Frau. Ick arbeite zwa hia, aba ditt muss ja nich bedeutn, datt ich ne Ahnung hab, nich wa", bekam ich die nach Alkohol riechende Antwort.
"Ich sehe nicht im Entferntesten aus, wie eine Frau!", protestierte ich, in der Hoffnung, nicht wieder Lippenstift an den Zähnen zu haben.
"Ditt nenn ick doch ma Ehrgeiz", antwortete die Dame und stieg dann wieder in ihr Bahnhofshäuschen, wo sie sich über die neueste 'Bunte' hermachte.
Wieder eine halbe Stunde später kam schließlich die Bahn. Endlich. Und glücklicherweise.
Da sich nun aber auch der Bahnhof ordentlich gefüllt hatte, wurden wir in die Wagons komprimiert, wie Vieh im fernen Bundesstaat Spandau.

Eine weitere halbe Stunde später hatte sich die Bahn auf Normalniveau geleert, als der allseits verhasste Ruf: "Fahrkarten bitte!" erklang. Vorbildlich zückte ich meine Fahrkarte und zeigte sie dem freundlichen und äußerst zuvorkommenden Kontrolleur.
"Nee, ditt jilt nich. Die is jerade abjelofn, Männekien", lächelte der dümmliche Kontrolleur.
"Aber ich hab doch anderthalb Stunden warten müssen", klagte ich - zu Recht.
"Ditt jilt aber och nich, Männekien. Denn kann ja jeder komm".
"Eine Frechheit ist das!", wurde ich lauter.
"Guck ma, Ingeborg. Ditt Männekien hier will uffmuckn."
Männekien fand sich 20 Minuten später an seinem Zielbahnhof wieder, um 40€ erleichtert, aber um eine Beule reicher.
Es dauerte aber nicht lange, bis ich wieder mein süffisantes Grinsen auf dem Gesicht hatte: Ich hatte eine neue Lösung.
Im späten 19. Jahrhundert, setzte sich eine Erfindung durch, die sich 'Das Fahrrad' nannte.
Das war kostenlos, schnell und äußerst komfortabel. Außerdem steigerte es meine Kondition.
Freudig, fast schon euphorisch, lief ich nach Hause und freute mich bis zum Einschlafen über meine fast unendliche Intelligenz, die Ölindustrie und sogar den Staat austricksen zu können.

Zwei Stunden früher als sonst, krabbelte ich in die Garage, pumpte die Reifen auf, ölte die Kette und nahm schließlich das Fahrrad meines Sohnes, dessen Reifen nicht schon zu Staub zerfielen. Früher war alles besser? Von wegen! Man sollte meinen, dass Reifen von 1974 länger hielten, als nur 30 Jahre. 'Das muss das Boot abkönnen', dachte ich verbittert und strampelte los.

800m später sprang mir das erste Mal die Kette von den unzähligen Zahnrädern. Wozu brauchte man um Himmels Willen 21 Gänge? Und wo war die Kupplung? Bestimmt dieser linke Griff - war ja klar - wie beim Motorrad.

Weitere 100m später flog ich gekonnt über den Lenker und bekam ein Fahrrad in den Rücken. Verdammte Vorderbremse! Wozu brauchte man am Vorderrad eine Bremse? Und dann noch so eine, die beim Antippen gleich blockiert.
Die nächsten 2000m fand ich heraus, wie die Gangschaltung zu bedienen war: einfach weiter treten und schalten. Und wenn man in den höchsten Gang schaltete, war das Fahren bestimmt auch bequem. Wie beim Auto. Ich setzte erneut einen süffisanten Gesichtsausdruck auf und bestaunte die Zahl auf dem Fahrradcomputer, die von 7 auf 10 sprang.

Die nächsten 15000m waren sehr angenehm, der Fahrwind ließ mein Haar zausen und der Sonnenaufgang ließ die Straßen in einem wohligen Gold erschimmern.
Das alles ließ aber die Tatsache, dass ich noch über 42km in nur einer halben Stunde zurücklegen musste, unbehelligt.
Das i-Tüpfelchen bildete dann noch eine ältere Frau mit grauem, kurzem Haar, das mich irgendwie an einen Hut erinnerte. Sie bewies nicht nur, dass 1974er Fahrräder auch für Grenzen jenseits der 120Kg konstruiert waren, sondern dass sie auch äußerst wendig waren. So schaffte es die Frau immer zu der Seite zu trudeln, wo ich überholen wollte.
Ich bremste, lenkte nach links und beschleunigte wieder.
Die Frau steuerte nach links.
Ich bremste, lenkte nach rechts und beschleunigte.
Die Frau steuerte nach rechts.
"Arg!", schrie ich laut und biss in den Lenker.
"Huch", machte die Dame und tat erschrocken, was aber nicht sein konnte, denn sie hatte mich ja ständig abgedrängt.
"Geht doch!", schrie ich und überholte schließlich, wobei ich nach ihr trat.

5000m später führte die Strecke über Pflastersteine, wo sich mein Laptop aus der Verankerung riss und säuberlich auf den Boden knallte. Durch den Schwung der 11km/h, die ich mit Mühe hielt, rollte er noch ein paar Meter und blieb dann benommen liegen.
Ich erinnerte mich an die IBM-Werbung 'irgendein Mechanismus, damit die Festplatte geschützt ist'. Dem Laptop musste nicht unbedingt viel passiert sein. Trotz des schrecklichen Unfalls setzte ich wieder ein Grinsen auf und öffnete die Tasche, um zu sehen, ob etwas Äußerliches kaputt war.
Mein Grinsen verschwand als ich den Schriftzug 'Fujitsu-Siemens' las.
"Noain", schrie ich und sank auf die Knie, während es ganz plötzlich zu regnen begann und ein Golf-5 mit der Aufschrift 'Schdudändt 2006' durch eine Pfütze neben mir fuhr.

Das Fahrrad und die Laptopreste schleppte ich noch 2000m bis zur nächsten Tankstelle, wo ich sie mit Super-Plus übergoss und verbrannte. Das war es mir wert! Ich tanzte noch so lange um den brennenden Haufen Elend, bis mich die Helfer in Grün abholten und zur Wache fuhren.
Okay, das war nicht der Ort, wo ich hin musste, aber es war kostenlos. Es gab doch für alles eine Lösung!

Geschrieben 2004 von Christian Lafin