Die Schlacht um Kreuzberg

Ich möchte hier die wahre Geschichte von Kreuzberg erzählen. Die Medien werden mich einen Lügner nennen, aber Geschichte wird von jenen geschrieben, die wissen, wovon sie reden... oder die Propaganda besser beherrschen...

Seit dem Jahre des Herrn 1987 kommt es am 1. Mai in Berlin immer wieder zu schweren Straßenkämpfen zwischen Punks, Autonomen, streitsüchtigen Randgruppen und der Polizei.
Trotz wechselnden Taktiken der Polizei wie 'mehr Polizisten', 'noch mehr Polizisten' und der legendären 'Taktik der Deeskalation' konnten die freiheitsliebenden Staatshasser immer wieder einen Sieg davon tragen. Sieg bedeutete in diesem Falle das Anstecken möglichst vieler Autos, bevor die Wasserwerfer kamen.

Doch in diesem Jahr sollte alles anders werden: Der König der Punks war gestorben, ohne einen Sohn zu hinterlassen und der König der Polizisten - ein grausamer Heide namens Oberbürgermeister - verkündete in der Presse schon seinen Sieg. Die Punks bekämpften ihn und bekämpften einander um einen Kasten Bier.

Also lud der Oberbürgermeister die autonomsten von ihnen zu einem Waffenstillstand ein, unbewaffnet, nur ein Hund. Er ließ alle festnehmen.

So kam es nun, dass zum Zeitpunkt der eigentlichen Straßenschlacht nur ein ungezügelter Haufen durch Kreuzberg tobte. Zu verirrten Autonomen und Punks, die an Straßenlaternen Riesenfelgen drehten, mischten sich vermummte Teenager mit übergroßen Hosen, die gegen alles traten, was ihnen im Wege stand. Die meisten dieser Schwachköpfe wurden von Häuserwänden oder Brückenpfeilern stundenlang beschäftigt, doch etliche erkannten diesen Trick, durch den Umstand der Gruppenintelligenz (wie Ameisen).

Im festen Glauben, diese Meute in den Sieg führen zu können, oder wenigstens dem verhassten Staat, mit seinen Steuern, Verboten, Strafsteuern und Steuerhinterziehungsverboten, eines auswischen zu können, hatte ich mich an diesem Abend ebenfalls nach Kreuzberg aufgemacht.

Mit ehrfürchtigem Gesicht stahl ich mich durch die randalierende Menge.
An unterschiedlichen Stellen gab es immer wieder kleine Löcher, die fast so aussahen, wie Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg. Dort gruben findige Ingenieure (die erwähnten Teenager mit übergroßen Hosen) nach Pflastersteinen, die als Munition an die Frontlinie weiter gereicht wurden.
Mein Blick fiel auf eine Gruppe Studenten (mit übergroßen Hosen) die versuchten, mit Stühlen gegen eine unverbarrikadierte Glasscheibe vorzugehen.
Einer warf den Stuhl gegen die Scheibe, doch er prallte an dem Glas - das offensichtlich Panzerglas war - ab und kam zurück.
"Das ist Zauberei, das ist nichts, aber der Stuhl kommt zurück!", rief einer der Demonstranten.
"Versucht es weiter!", schrie ein anderer, nahm einen Hocker auf und schleuderte ihn gegen die Scheibe. Als die Sitzgelegenheit zurückkam, und mit einem hohlen Geräusch gegen seinen Kopf knallte, sackte er bewusstlos zusammen und blutete auf die Straße.
"Lasst mich mal!", rief ein Dritter, versuchte dasselbe und landete genauso wie der Zweite bewusstlos mit dem Kopf im Rinnstein.
"Wow, das ist fantastisch!", kam nun ein weiterer Irrer hinzu, den jedoch nicht die übergroße Einheitsmode kleidete. Er stand in beigefarbenen Shorts, beigefarbenen Shirt und beigefarbenen Cowboyhut mitten in Kreuzberg und zückte ein gebogenes, Objekt aus Holz.
"Los Freunde", sprach er mit englischem Akzent, "Ich probiere es mit diesem Wurfstock und danach helft ihr mir, Krokodile in größere Becken umzusiedeln!"
"Wer isn der Kerl?", fragte einer der Beutelhosenträger, woraufhin ein anderer einfach nur mit den Schultern zuckte.
Der Kerl in beige wartete jedoch nicht lange auf seine Antwort, sondern warf sein Zauberwerkzeug in Richtung Scheibe. Zuerst sauste der Stock ja noch gerade darauf zu, doch dann zog er steil nach oben, wendete und flog auf die Gruppe zurück.
"Oh nein, das Ding kommt wieder zurück!", schrie einer, und fluchtartig setzten sich die Teenager in Bewegung.
"Dieser Jagdstock entwickelt sich immer mehr zu einer Art Bumerang!", hörte ich einen englischen Akzent, der in der Menge verschwand.

Ich schüttelte fassungslos den Kopf und sah dann nach rechts, wo andere Staatshasser gerade ein Auto ansteckten.
"Krass, döa Dreiöar brennt wie Zunder, isch schwöa!", hörte ich einen vor Verzückung jauchzen.
"Dreiöar? Alta, das is meine Karre. Scheiße Alta, wie solln wa jetzt nach Hause kommen?", wurde der mit dem Benzinkanister in den Händen wütend.
Eine Antwort in Form von Sprache gab es nicht, beide begannen sich noch auf der Stelle zu prügeln.

Diese Dummköpfe, damit konnten sie unsere politischen Ziele Anarchie und Weltherrschaft nie erreichen!
Ich kämpfte mich weiter durch die Reihen und erreichte bald die Front, wo vermummte Gestalten Pflastersteine auf Polizisten warfen, die etwa 100 Meter entfernt standen. Dass die Steine dabei oft nicht weiter als 25 Meter kamen, interessierte sie anscheinend nicht.

"Hört mir zu, ihr Idioten!", rief ich und stellte mich vor die Steinewerfer. Eine Bierflasche schlug neben mir auf den Boden und hinterließ einen schäumenden Teppich.
"Ich bin nicht William Wallace! Aber man sagte mir, hier solle eine Schlacht stattfinden. Ist das Steinewerfen etwa eine richtige Schlacht, ihr Trottel?", fragte ich.
"William Wallace ist drei Meter groß", schallte es aus der Menge.
"Deswegen sagte ich, ich bin nicht William Wallace!", antwortete ich und fügte leise murmelnd hinzu: "Deswegen und wegen internationaler Urheberrechte..."
"William, wie sollen wir die Schlacht gewinnen? Die Polizisten sind zu viele. Gehen wir lieber nach Hause!", klang es von einem Demonstranten.
"Ich sagte ich bin nicht... na ja, auch egal. Ich habe anhand dieser Computerzeitschrift...", verkündete ich und zückte dieselbe, "Einen großartigen Plan entwickelt".
"Billiger telefonieren? Wozu soll das gut sein?", quiekte es von einem sehr jungen Demonstranten.
"Was ist telefonieren?", fragte ein Anderer.
"Alta, ich glaube, das ist das, wofür Handys ursprünglich entwickelt wurden."
Auf raunendes Staunen ging durch die Gruppe.
"Nein, ihr Dummköpfe!", widersprach ich, "Ich meine den Text hier unten: 'Der eigene Roboter'. Ich habe einen tödlichen Kampfdroiden entwickelt, der uns in den Sieg führt".
Präsentierend hob ich die Reisetasche an, die ich mit mir rum schleppte und stellte sie vor mir auf den Boden.
Ich öffnete sie und zeigte mein Werk.
"Das ist nischt zu fassen!", hörte ich einen Aufschrei mit französischem Akzent, "Der Tölpel präsentiert eusch einen Däll-Reschner mit einem Draht-Arm, einem aufgeklebten William Shättner Gesischt und einer Autobatterie mit Klebeband befestischt!"
"Das ist der tödlichste Schlachtdroide, der da liegt!", versuchte ich das Gebilde dennoch anzupreisen.
Ich sah auf den Androiden hinab und forderte ihn auf: "Verkünde deinen Zorn, mein Sohn!"
Im selben Moment züngelte ein Flämmlein aus dem Netzteil, der Drahtarm hob sich mir entgegen eine ein blechernes Röhren erklang aus dem Inneren: "Töte mich Vater... Mein Leben ist eine einzige Qual... Töte mich!"
"Kapiert es endlisch, ihr seit Deutsche. Ihr könntet einzisch die Gendarmerie mit der Bahn aus der Stadt bringen - schließlich 'abt ihr weltweit das größte Wissen, wenn es darum geht, große Menschenmassen mit Zügen zu transportieren... Aber wie man sisch gegen eine verhasste Regierung auflehnt, wisst ihr nischt!", nahm der Franzose wieder das Wort an sich.
"Klappe zu Baskenmütze, dafür wisst ihr nicht, wie man etwas ohne Kapitulation zu Ende bringt!", meldete sich ein Irokesen-Träger zu Wort, schlang eine Kette um des Franzosen Hals und begann ihn damit zu würgen.
"Moment, wäre es nicht besser, unsere politischen Ziele mit friedlichen Protesten und Unterschriftenaktionen durchzusetzen? Wenn es hart auf hart kommt, kann man sich immer noch beschweren", schlug ein brillentragender Palästinensertuchtyp vor.
"Typisch Deutsch", röchelte der Franzose.
"Unterschriftenaktionen? Beschwerden? Wen interessiert das denn? Die wandern ungesehen in den Mülleimer!", versuchte ich die Menge zu beschwören.
"Das funktioniert sehr gut sagst du, ja?", schallte es von der anderen Seite.
"Vater, ich brenne. Hilf mir doch Vater, töte mich!", röchelte es vom Boden.
"Ich habe keinen Sohn mehr", antwortete ich und wandte meinen Blick ab.

Meine Pläne zur Anarchie und vor allem zur Weltherrschaft gerieten ins Wanken.
Ich musste mir etwas einfallen lassen: "Für Unterschriften muss man seinen Namen wissen und für Beschwerden muss man richtig schreiben können!"
Einige Sekunden der Stille folgten, die Ballonhosenträger hörten auf, gegen die Wände zu treten, die Punks an den Laternen stoppten ihre Riesenfelgen und sogar die Brände schienen einzufrieren.
Es blieb einige, wenige Sekunden so ruhig.
"Nackte Gewalt!", rief eine tiefe Stimme aus der Menge, und sofort begannen alle zu jubeln.
Mein Droide stand inzwischen völlig in Flammen, doch das interessierte niemanden mehr.
Mit den Worten: "Folgt mir, ihr Einfaltspinsel!" stürmte ich auf die Polizisten zu. Die Menge folgte mir aufgekratzt. Ketten und Nasenringe rasselten, Kniekehlenhosenträger stürzten, rappelten sich auf und stürzten wieder. Ein Wasserstrahl traf knapp neben mir auf den Boden, Pflastersteine flogen über unsere Köpfe hinweg und das Gebrüll der Demonstranten versetzte mich in eine schlachtwütige Stimmung.
Wieder spritzte ein Wasserstrahl an mir vorbei und traf den Irokesen-Träger, der eben noch den Franzosen gewürgt hatte.
"Igitt, das ist kaltes Wasser, da kriegt man Schnupfen von!", schrie er und warf sich krümmend auf den Boden.
"Oh nein, lauft!", erklang ein sehr helles Stimmchen und fluchtartig drehte die Meute auf den Hacken um und zog sich zurück.
"Machen wir lieber dieses Unterschriftenzeug!", klang eine entfernte Stimme.
"Ja, gehen wir zum alten Bauernhof und holen uns Kirschwein!", tönte eine andere.
"Sie ziehen sich zurück. Schnappt den Irren mit dem Kilt!", erklang es von den Polizisten und zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich alleine und schreiend in eine Hundertschaft Polizisten hinein rannte...

Als ich das Bewusstsein wiedererlangte, befand ich mich in kargen Raum, mit Betonboden, Betonwänden und natürlich auch einem Betondach. Das Fenster war vergittert und einzig eine Holzpritsche diente als Mobiliar. Nachdem ich meine neue, blaue Haut bewundert hatte, fasste ich einen gewagten Plan für den nächsten Mai: 'Eine Unterschriftenaktion gegen Unterschriftenaktionen'.
"Muahaha, die Welt gehört mir", lachte ich in meiner Zelle.

Geschrieben 2006 von Christian Lafin