Deutsche Schulen

Unlängst trieb es mich (von grausamen Berichten aus dem bayrischen Schulsystem angestachelt) in eine brandenburgische Schule. Obwohl diese nicht in Bayern lag, war ich fest entschlossen allen das Gegenteil zu beweisen: deutsche Schulsysteme sind gut und klassisch (was vor 50 Jahren gut war, kann jetzt nur besser sein). Stichprobenartige Nachforschungen ohne Gewichtung würde man es in einer bestimmten Fernsehsendung namens "Akte" nennen, aber trotzdem senden. Eigentlich blieb mir aber auch keine andere Wahl, da man mir bei der Bahn versichert hatte, dass ich keinen 50% - Rabatt bekomme, wenn ich mit einer Mr. Sulu - Pappfigur nach Süddeutschland reise. Für dieses Vorhaben war ich dennoch bestens gerüstet, durch viel zu große Sachen und einer noch größeren Schultasche sah ich wieder aus wie 14 und mit meinem eigens entwickelten Altsprech/Jungsprech - Translator (®) (auf Grundlagen der Dokumentationen von Orwell) konnte ich mich auch dementsprechend verständigen. So mischte ich mich dann kurz vor 8 Uhr morgens in die herbeiströmenden Massen an Schülern, die sang und klanglos in das große Backsteingebäude quollen.

Nach einigen Minuten fand ich mich in so einer Art Museum wieder - wohl der Raum für den Informatikunterricht - der neu eingerichtet schien. "Kinder, bitte fahrt die Rechner ordentlich runter", fing die Lehrerin an, "Sonst knallt der Schreibkopf auf die Festplatte und Cluster entstehen". Nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie könnte sie sogar Recht haben, und schon fing ich an, meine langjährige Ausbildung in Frage zu stellen.
"Rechner runterfahren", murmelte ein verwirrter Junge neben mir. "Wunderbar, du bekommst eine 1", frohlockte die Lehrerin und warf ihm einen Stein zu. Nachdem ich die krampfende Hand von meiner Stirn gelöst hatte, sah mich dieser Junge mit seinem treudummen Blick an und nuschelte: "Stein schmeckt komisch". Mit den Worten: "Jo Puppe, datt hilft, ey Alter ey", drückte ich ihm Kleber in die Hand und bekam für den Rest der Stunde etwas Ruhe.

Die folgende Stunde sollte wohl Biologie darstellen, weil die Klasse auf den Schulhof ging und Dreck, Moos und Rhododendronblätter sammelte, um daraus einen Berg zu formen. Leider war ich schon bei der Einsatzbesprechung überfordert, weil ich bis zu Letzt glaube, es würde um eine Anschauung zur Abtragung der Alpen gehen. Aber das wiederum hätte weitere Fragen aufgeworfen und... "Wieso machen wir das eigentlich hier alles?", fragte ein Schüler und unterbrach meinen Gedankengang, der sowieso in wenigen Sekunden verhungert wäre. "Klappe zu, ihr sollt was lernen", schrie ihn die Lehrerin an, sah dann zu mir und schrie weiter: "Du, grins nicht so dämlich!". Als sie 10 Minuten später an unseren Tisch kam und wie ein liebevolles Mütterchen fragte, wie es voran geht, fingen meine Hände an zu zittern, wie bei einem Soldaten der Omaha Beach überlebt hatte.

Bild von einem Berg aus Dreck

Zwischendurch sollte eine erholsame Hofpause folgen, die trotz -20 Grad Celsius und einem patrouillierenden Lehrer, der beim Vorbeikommen "Na ihr Flachzangen", griente, recht interessant wurde. Ich lernte einen gewissen "Pfosten Pfreund" kennen, kurz "IPP" (imaginärer Pfosten Pfreund). Man erzählte mir, dass er beide Holzarme verloren hätte, dadurch ruhiger und nachdenklicher geworden war, aber nichts von seinem Humor eingebüßt hat. Mr. Sulu würde sich bestimmt prächtig mit ihm verstehen...

Bild vom Pfosten Pfreund

Nachdem es klingelte und 400 Schüler anfingen sich durch 2 winzige Türen zu quetschen, ich inbegriffen, sagte einer zu mir: "Pass auf" und trat gegen einen sehr kleinen Jungen, der daraufhin hinfiel und mit dem Hilferuf "Tretet nicht auf mir rum, ich bin verletzt" unter den Massen verschwand. Der Treter sah mich freudig an: "Das gibt 3 Punkte". Hilflos sah ich zu diesem Lehrer, der mit seinen aufmunternden Worten auf dem Hof patrouilliert hatte. Der jedoch sprach nur leise in sein Kragenmikro: "Wir haben hier jemanden, der zählen kann, viele Geier umkreisen den Kadaver in Sektor 44". Blitzschnell senkte sich eine gläserne Röhre auf den Jungen und weg war er. Davon gesaugt, einfach aus dem Raumzeitkontinuum gelöscht. Als hätte er nie existiert. Ich musste um jeden Preis vorsichtiger sein, durfte nicht auffallen: ich begann zu sabbern.

Die folgende Stunde sollte die Klasse im Englischraum verbringen, einige Wenige starrten mit bösen Blicken auf eine kleine Palme im hinteren Bereich des Raumes. "Alter, böse Zeitmaschine, die Palme, ey Alter ey. Alter, wegen der haben wir 2 Tage Englisch jetzt, ey Alter ey", erklärte mir ein Mädel, das vor mir saß. Das war absolut unmöglich, um die Zeit zu verändern musste man diesen Raum in einen anderen Zustand zur Normalzeit bringen. Eine Palme konnte das nie und nimmer schaffen, aber allein der Gedanke daran war lächerlich. Als die Tür aufging und die Lehrerin den Raum betrat, und schließlich ihren Unterricht begann, sah ich - ungelogen - die Sonne 2x aufgehen. Die 2 Tage waren unbeschreiblich, ich las eine sehr beliebte Computerzeitschrift über 12x, sah zwischendurch bunte, manchmal sogar lachende Gestalten, dann diese schreiende Palme und am Abend des 2. Tages verlor ich das Bewusstsein.

Bild der Zeitmaschine

Als ich aufwachte, glaubte ich mich im Deutschraum zu befinden. Glaubte, weil ein fetter und nicht allzu schlau aussehender Junge versuchte, einen unbestimmbaren Satz zu lesen. Unbestimmbar, weil mir der Faden nach 35Minuten riss. Ich hoffte, nein ich betete, dass er ein Einzelfall war, wollte dann aber doch kein Risiko eingehen und jemanden fragen.

Beim anschließenden Essen in der Mensa, hoffte ich etwas Entspannung zu finden. "Für mich bitte kein Fleisch... ähm ich meine jo Puppe, pack datt Fleisch wech, ey Alter ey", sagte ich zur Küchenhilfe, die daraufhin erwiderte: "Da ist sehr wenig Fleisch in diesen Sportmatten". Verzweifelt setze ich mich an einen Tisch, nahe des Lehrertisches.
"Watt geht, ey Alter ey", begrüßte ich ein tristes, viel zu stark geschminktes Mädchen.
"Glmpf...", antwortete sie.
"Jo Puppe, kannst du nicht sprechen, ey Alter ey?", fragte ich sie besorgt.
"Krytzky", kam zurück.
Nachdem sich mein Translator mit einem Pufferüberlauf verabschiedet hatte, lauschte ich dem Gespräch am Lehrertisch das nicht nur interessanter war, sondern auch lauter.
"...Ich bitte Sie, Kopfnoten und Schuluniformen sind ein Gottesgeschenk, nach Studien senken sie das Huckepackspielen um 40%, jugendlichen Unmut um 70% und bringen den Hochmut auf ein Rekordtief. Angeblich läuft sogar der Augenaufschlag synchron. Das zu ignorieren würde heißen die Zukunft dieser Kinder zu verkaufen", rief eine Lehrerin, lauter als sie geplant hatte.
Eine ältere Dame antwortete erbost und laut mit einer Stimme wie Darth Vader: "Verdammt, Sie wissen genau, diese Kinder haben keine Zukunft!". Im Raum wurde es totenstill und auf den naiven Zombigesichtern der Kinder zeichnete sich etwas ab, dass ich schon einmal in mir gefühlt hatte, als ich erfuhr, das Ringo Starr schon lange tot ist. Dann begann diese Darth-Karrikatur zu lachen und drehte sich zu den Kindern: "Bitte Kinder, beweist mir das Gegenteil!" Meine Gegenüber knallte mit dem Kopf auf den Tisch.
Für mich schien es höchste Zeit durch das Fenster zu fliehen, also brüllte ich: "Seht nur, das Eichhörnchen da hat nen Schinken", doch bevor ich zum Sprung ansetze schrie jedoch ein kleiner, viel zu schnell reagierender Junge mit hoher Stimme: "Oh nein, lauft!" und löste somit eine Massenpanik aus. Diesmal war ich der, der schrie: "Tretet nicht auf mir rum, ich bin verletzt".

Manchmal, wenn der Wind aus Norden weht, glaube ich den "Viva la Resistance"-Ruf vom Pfosten zu hören. Dann denke ich daran, dass die einzige Satire doch die Wirklichkeit ist...

Geschrieben 2003 von Christian Lafin