TRAM 68

Mit leicht gesenktem Kopf beobachte ich das Treiben vor mir: Eine mittelalte Frau in roter Kleidung schiebt Waren blitzschnell über eine kleine Glasscheibe mit schwarzer Elektronik darunter. Dazu ertönt im Takt ein Piepen, für jeden Gegenstand, den sie darüber zieht und weiter nach hinten schmeißt, wo eine andere alte Frau, mit typischen kurzen, weißen Haaren, die Waren in einen Einkaufswagen zu packen versucht. Versucht, weil sie natürlich nicht mit der Geschwindigkeit der geübten Frau in rot mithalten kann. Aber die interessiert sich kaum dafür, sondern wirft die Sachen weiter unbekümmert nach hinten.
Das geht solange weiter, bis alle Waren über das Fenster und in den Wagen sind. Dann lächelt die Frau in rot, sagt den Preis, wartet lächelnd auf das Geld, gibt Wechselgeld und wünscht - immer noch lächelnd - einen schönen Tag.

Danach fällt ihr Blick auf mich, verdüstert sich und fällt auf die Flasche Barcardi in meiner Hand, wobei er sich endgültig zur völligen Dunkelheit verfinstert. Eine Spur von einem kalten Schauer jagt mir über den Rücken und das Piepen des Elektronikfensters klingt wie ein ferner Donner.
"Vier-Fuffzich!", erschreckt mich ihre Stimme, die boshafter geworden scheint.
Während ich nach dem passenden Schein suche, zieht sie eine Schnute und starrt an mir vorbei ins Leere.
Den Fünfer-Schein reißt sie mir förmlich aus der Hand, das Wechselgeld bekomme ich nicht in die ausgestreckte Hand, sondern in die Kuhle, die sonst von nie jemandem verwendet wird.
"Schönen Tag noch", sage ich.
Keine Antwort.
Ohne weitere Worte greife ich nach der Flasche und stehle mich aus dem Laden.

Ich würde mich über das Verhalten der Frau in rot ärgern - im Stillen, wenn ich wüsste, dass es eine Ausnahme ist. Leider ist es immer so, egal wo, egal was ich einkaufe. Man gewöhnt sich an alles und so wird es einem irgendwann egal, wenn niemand eine Spur von Freundlichkeit zeigt. Irgendwann ist es auch egal, dass einen niemand direkt und lange ansieht. Irgendwann ist es egal, dass man niemanden interessiert.

Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Es ist auch nicht besonders relevant, denn die Gründe würden sich höchstens beseitigen lassen, in dem ich mich wie alle anderen benehmen würde. Und lieber werde ich nicht beachtet, als das zu tun. Vielleicht wäre ich auch lieber tot.

Während ich zur Straßenbahnhaltestelle laufe, schweift mein leicht gesenkter Blick über verschiedene Menschen.
Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sehen sie alle gleich aus.
Irgendwie bunt, irgendwie neutral, irgendwie dämlich.

Ob irgendwer von denen ähnliche Dinge wie ich denkt? Ob sich jemand von Denen auch fragt, wie viel Sinn das alles noch hat?
Ich glaube nicht, ansonsten wären die wohl kaum so neutral. Wer sich mit der ganzen Sinnlosigkeit befasst, wem bewusst wird, dass nichts, was wir tun irgendeine Relevanz hat, der könnte wohl kaum so neutral daher leben, wie es alle tun. Wozu auch? Wozu auch!

Als ich an einer Fußgängerampel warte und ich mich langweile, sehe ich auf der anderen Straßenseite eine große Frau mit offenen, schulterlangen braunen Haaren und ebenso braunen Rehaugen, die verspielt in der Gegend herum leuchten, mehr zu Himmel, als zum Boden, als würde sie träumen, oder über etwas nach denken. Sie erinnert mich an sie. An die eine. Die eine, die alles war.
Es ist drei Jahre her, seit dem mein Leben aufgehört hat, sich um sie zu drehen. Mir war es zu intensiv, mir waren es zu viele Gefühle, mir war es zu unheimlich.
Ich weiß, dass es dumm war, sie gehen zu lassen.
Ich weiß es an jedem Tag, den ich von ihr Träume.
Ich weiß es zu jeder Sekunde, die ich an sie denke.
Ich weiß es mit jedem Gesicht, dass ich irrtümlich für ihres halte.
So, wie jetzt.

Die Ampel wird grün, alle laufen los - ich folge. Ich senke meinen Blick auf den Boden, beobachte die Frau nur aus den Augenwinkeln. Sie sieht mich nicht, läuft an mir vorbei und ist verschwunden. Sie ist nicht sie, denn sie kommt nie wieder. Aus, vorbei, verjährt. Niemand hängt jahrelang einer Liebe hinter her. Niemand außer mir. Sie war damals alles für mich und nachdem ich sie aus meinem Leben schmiss, verlor ich mit ihr alles, was mich ausmachte. Ohne sie wurde es nie wieder wie früher. Ich war zwar auch früher nicht normal - nicht wie alle anderen - doch ich hatte meinem Teil am Leben. Jetzt, habe ich nichts.

Ich laufe weiter zur Straßenbahn und sehe mir immer wieder Leute an, doch mir kommt keine Idee, wie die das alles aushalten. Es muss doch jemanden unter ihnen geben, dem es ganz genau so geht, wie mir. Oder jemand, der mich versteht. Doch, den scheint es nicht zu geben. Ewig schon bin ich auf der Suche.

Ich fummele einen braunen Glimmstängel aus meiner Manteltasche, stecke ihn an und frage mich, wann mich das Zeug endlich dahinrafft.
Das Zeug ist doch angeblich so tödlich. Wann tötet es mich? Ich hoffe, bald. Noch 40, 60, 80 Jahre Arbeiten zu müssen, nur um wertlose, bunte Papierfetzen zu verdienen? Wozu denn? Um Plunder zu kaufen? Wen interessiert denn so was?
Aber wieso eigentlich damit warten? Wieso auf diese verdammt viel zu langsame Weise per braunen Glimmstängel? Wieso nicht schneller, per Schritt auf die Schienen?

Bevor ich mir selbst die Antwort geben kann, kommt auch schon die Straßenbahn um die Ecke und beim Anblick der zwei voll gestopften Wagen vergeht mir jede Lust auf eine Antwort, sogar jede Lust auf irgendwas. Ich hasse Menschenmassen.

Die großen, gelben Wagen halten mit einem abklingenden Summen, dann öffnen sich die Türen und einige Leute strömen heraus. Immer wieder bleibt mein Blick in den Gesichtern haften, jedoch wird er niemals bewusst erwidert. Streifen sie mal Zufallsweise meinen Blick, ist es, als wenn ich aus Glas wäre. Die Blicke der Menschen gehen einfach durch mich hindurch, ob sie mich wahrnehmen weiß ich nicht, doch alles deutet darauf hin, dass sie es nicht tun.
Dasselbe beim Einsteigen und fahren: Scheinbar scheint die Umgebung interessanter zu sein, als die Mitmenschen.
Nicht, dass ich angesehen werden möchte oder gar angestarrt - bloß nicht! Mir ist es lieber, wenn ich am Ende eines Wagens auf einem kleinen Flecken stehen kann und mich niemand bemerkt. Würde man mich bemerken, würde man sich wahrscheinlich lustig über mich machen. Menschen sind Schwachköpfe, wie Bill Muray in "Groundhog Day" so treffend bemerkte.

Es vergeht eine halbe Stunde, die Straßenbahn hält schließlich an der vorletzten Haltestelle und ist inzwischen so leer geworden, dass ich mich hinsetzen könnte, doch das erscheint mir - angesichts der verbleibenden 300m Reststrecke - doch etwas sinnlos. Und dem Sinnlosen wollte ich ja eigentlich abschwören.

Ich beobachte noch kurz die wenigen, aussteigenden Leute und will meinen Kopf wieder gen Boden senken, als mir ein in blauem Cord gekleidetes Mädchen mit langen, braunen Haaren, die zu einem glatten Zopf gebunden sind, auffällt. Ich beobachte sie, in dem Glauben sie ignoriert mich, wie alle anderen das tun. Plötzlich sieht sie mich, ich erwarte, dass sie in wenigen Millisekunden wieder weg schaut. Doch es passiert etwas völlig Unerwartetes: sie lächelt. In meine Richtung! Ich gucke kurz nach links, dann nach rechts, um zu sehen, ob nicht irgendjemand neben mir steht, den sie ansehen könnte. Doch dem ist nicht so; Niemand steht in meiner Nähe. Sie lächelt zu mir! Kurz gucke ich auf den Boden in der Hoffnung, sie schaut auch wieder weg. Als ich hoch blicke, erscheint wieder ihr Lächeln. Und zu allem Übel wächst es jetzt zu einem breiten Grinsen heran.
'Lächle doch zurück!', hallt es irgendwo in meinem Schädel. Ich versuche zu Lächeln, doch meine Lippen bewegen sich keinen Millimeter. Zu gebannt bin ich durch diese absurde Begebenheit: Jemand hat mich bemerkt!
Noch bevor ich den Gedanken fassen kann, auszusteigen, fährt die Straßenbahn schon weiter.

Und zum ersten Mal seit Jahren verliert die Sinnlosigkeit an Bedeutung.

Geschrieben 2005 von Christian Lafin