Weg

Es heißt, dass man Dinge erst vermisst, wenn man sie nicht mehr hat. Ich finde, dass das nur Teilweise stimmt.
Ein Vermissen empfinde ich nicht. Im Gegensatz, ich kann nicht mal glauben, dass es passiert ist. Ich warte immer noch auf ihren Anruf. Darauf, dass sie mir sagt, das die Polizei sich vertan hätte und sie doch überlebt hat. Ich weiß, dass es Blödsinn ist, niemand kann so etwas überleben, aber trotzdem stehe ich am Fenster, rauche im Akkord und blicke die ganze Zeit zum Telefon, das auf dem Tisch neben mir liegt.
Heute Morgen wollte ich sie noch anrufen. Vor dem Weg zur Arbeit. Ist dann doch etwas später geworden, aber ich glaube, sie hat das gar nicht mehr mitbekommen. Ich glaube sogar, dass sie sich Sorgen um mich gemacht hat, bevor sie gestorben ist. Ich meine bevor der Todeskampf anfing. Hoffentlich ging es schnell. Komisch, dass ich so was noch hoffen kann, obwohl ich nicht glaube, dass sie Tod ist. Ich kann mir den Tod nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, sie nie wieder zu haben. Nie wieder. Solange ich lebe.
Was für eine verdammt lange Zeit wird das werden. 55 - 60 Jahre. 60 Jahre Einsamkeit. 60 Jahre Sinnlosigkeit. 60 Jahre, ohne sie.
Nein, nein, nein. Das muss ein Traum sein. Das kann nur ein Traum sein. Ein unglaublich realer Traum. Ein unglaublich schlimmer Traum. Ein Traum, wie ich ihn noch nie gehabt habe. Aber dann wäre mein ganzes Leben ein Traum. Ein anfangs schöner Traum mit bitterem Ende?

Die Zeit rennt an mir vorbei, ohne dass sich etwas ändert. Sekunden werden zu Minuten und Minuten werden zu Stunden. Gegen Abend lastet ein schwerer Fels auf meinen Schultern. Als ich gehe, sind die Räume schon leer. Man hat mich heute in Ruhe gelassen, wohl wissend um das, was passiert ist.
Begreifen kann ich es immer noch nicht. Aber es ist inzwischen zu drückend geworden, als dass ich es abschütteln kann.

Zuhause ist die Wohnung leerer als leer, die Stille stiller als still und die Luft stickiger als stickig.
Als ich das Fenster im Schlafzimmer öffne, um etwas von der eiskalten Luft ins Zimmer zu lassen und atmen zu können, kann ich mich das erste Mal in meinem Leben nicht an den Lichtern erfreuen.
Es spendet mir keinen Trost. Nichts spendet mir Trost. Und nichts durchbricht das Trauma.
Das Bett ist in dieser Nacht furchtbar leer. Und kalt.
Ich schlafe trotzdem, träume aber nicht.

Als ich am nächsten Morgen mit einem Lächeln aufwachte, bin ich fest davon überzeugt, dass es nur ein Traum gewesen ist.
Freudig drehe ich mich um, um sie Wachzuküssen.
Es war kein Traum.
Die Erkenntnis trifft mich wie ein Dolch ins Herz. Aber das ist ein schöner Schmerz. Es ist besser, als nicht zu glauben, dass das alles nicht passiert ist. Denn jetzt kann ich daran glauben. Jetzt kann ich es akzeptieren.
Jetzt kann ich daran zugrunde gehen.
Es ist, als wenn die Gravitation verdoppelt hätte. Meine Knochen und mein Kopf beginnen zu schmerzen und ein flaues Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus.

Das Frühstück erscheint mir unglaublich lang und beschwerend. Die zwei Bissen rutschen in Zeitlupe meinen Hals hinunter, der letzte bleibt beinahe stecken.
Bis um 11 Uhr bleibe ich sitzen und starre aus dem Fenster in die Leere.
Mein Kopf bleibt vollständig leer. Keinerlei Gedanken kreisen darin. Mein Geist wartet auf eine Entscheidung. Die Entscheidung, wie es weitergehen soll.
Aber wie könnte ich das denn wissen?

In einem Schrank im Wohnzimmer finde ich noch eine Flasche Whisky.
Der erste Schluck brennt genauso fürchterlich, wie er auch schmeckt. Danach wird es besser.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, schneit es. Es schneit. Mitten im Oktober. Bedächtig schaue ich in das Schneetreiben, bis es mir klar wird: Das muss ein Zeichen sein. Aber was soll es mir sagen? Das alles möglich ist?
Den ganzen Tag hört es nicht auf. Und den ganzen Tag sitze ich am Fenster.

Irgendwann hört es dann auf zu schneien. Doch mein Leben geht weiter. Sehr viel weiter.

Ein Jahrhundert später sitze ich wieder am Fenster. Es schneit. Im Oktober.
Es erinnert mich an damals. Noch immer weiß ich nicht, was es zu bedeuten hat. Aber ich habe mir im Laufe der Zeit so meine Gedanken gemacht.
Diese Zeit damals war eine der schlimmsten in meinem Leben, das wohl noch etwas andauern wird. In dieser Zeit, musste ich lernen, dass man unglaublich viel Schmerz verkraftet. Doch, wenn es so ist wie bei mir, bricht man an diesem Schmerz.
Ich habe den Schmerz an sich nie gefühlt. Ich bin daran zerbrochen und habe es nicht mal gemerkt.
Die Jahre schwanden dahin und der Schmerz kam immer wieder zurück. Einer nach dem Anderen ist gestorben. Jeder, den ich kannte. Viele von ihnen kamen im Krieg um. Einige von ihnen erlebten mit mir die Jahrhundertwende. Doch danach verschwanden sie alle. Und ich blieb.
Als ich damals in den Schnee sah, fragte ich mich, wann ich darüber hinweg sein werde und wie das wird.
Heute frage ich mich das auch. Die Antwort dämmert mir, doch ich will es nicht wahr haben.
Manchmal besuche ich noch die Ruine, in der ich einst gearbeitet habe - als junger Mann - stelle mich an das Fenster, verfolge das alte Ritual des Rauchens und schaue wieder auf mein antikes Kommunikationsmittel. Einmal ertappte ich mich sogar dabei, wie ich es „alter Freund“ nannte.
Jeden Tag frage ich mich, was ich falsch gemacht hatte, um mit einem so langen Leben bestraft zu werden. Mit einem so einsamen Leben.

Ich sehe mich noch immer an dem Fenster sitzen, an diesem Sonntag im Oktober, kurz nach der Jahrtausendwende. Ich sehe mich noch immer mit diesen Augenrändern, abgemagert und ohne jede Hoffnung und wie ich mir vorwarf, dass ich sie nicht gebeten habe, bei mir zu bleiben, wie ich es vorgehabt hatte.
Es ist schon gerecht, so wie es ist.

Ich zweifelte nie daran. So lange ich lebte. Und das war verdammt lang.

Geschrieben 2002 von Christian Lafin